Der BVB ist Bundesliga-Vizemeister, aber was ist eigentlich los beim blauweißen Nachbarn?

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Hier Vizedortmund und dort stellen Nebenschauplätze den Fußballsport ins Abseits

In Dortmund sind die Fanlager oft dicht beieinander

Die Bundesligasaison 2019/20 ist beendet. Und der BVB hat sich mit der Niederlage  im letzten Heimspiel gegen Hoffenheim wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Damit ist eine Saison zu Ende gegangen, die in den Fußballchroniken als die „Corona-Saison“ mit zahlreichen Geisterspielen in leeren Stadien eingehen wird. Sportlich verlief sie dagegen in weiten Teilen wie in vorherigen Spielzeiten. Bayern München wurde zum achten Mal hintereinander Deutscher Meister und der BVB wurde trotz höherer Zielsetzungen zum siebten Mal Bundesliga-Vizemeister. Und Dortmunds Erzrivale Schalke 04? Während Schalke noch zum Ende der Hinrunde auf Tabellenplatz 5 stand, rutschte die Mannschaft, nach einer vereinsinternen „Rekordserie“ von 16 aufeinanderfolgenden Spielen ohne Sieg auf Rang 12 ab und schoss in der gesamten Rückrunde nur 9 (!) Tore. 

Doch warum schreibe ich als Mengeder überhaupt über das sportliche Abschneiden des Gelsenkirchener Clubs? Es ist nicht nur die räumliche Nähe zu Schalke. Denn nur 25 km entfernt von der Autobahnauffahrt Mengede beginnt schon Gelsenkirchen und die Zahl der Schalke-Fans nimmt schon in den Nachbargemeinden Waltrop oder Castrop deutlich zu. Auch in Dortmund leben nicht nur Fans des BVB. Es gibt durchaus Dortmunder, die bekennende Schalke-Fans sind. Und wie ich, obwohl Fan der schwarzgelben Farben, werden viele Leser auf Anhänger des königsblauen Clubs nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Freundes- und Bekanntenkreis oder in der Verwandtschaft treffen und mit diesen über Fußball reden. Eins ist dabei momentan offensichtlich: alle Schalke-Fans sind über das Abschneiden ihres Clubs in der abgelaufenen Saison sehr enttäuscht. Aber auch außerhalb des Platzes gibt es viele Themen, die für erhebliche Unruhe beim blauweißen Anhang sorgen.

Tönnies sorgt für Rassismus-Eklat

Das sind zum einen die äußerst unglücklichen Formulierungen des Schalker  Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies über Afrikaner, die zu einer hitzigen Diskussion über Rassismus führten und zu seinem von ihm selbst auferlegten, dreimonatigen Rückzug aus dem Amt führten. Der Schalker Ehrenrat, der diese Maßnahme für ausreichend hielt, gab dabei in den Augen vieler S04-Anhänger kein gutes Bild ab. Dazu kommen noch die seit Wochen geführten Diskussionen über die Ausgliederung der Profiabteilung, die für viele Schalker ein Horrorszenario darstellt.

Es ist nur zum Wegschauen

Der bisherige e.V. der sich gerne nach außen hin, als der „Kumpel- und Malocherclub“ bezeichnet, möchte sich durch die Ausgliederung für neue Geldgeber interessant machen Denn, wenn man den offiziellen Mitteilungen glauben darf, drücken Schalke 04 Schulden in Höhe von knapp 200 Millionen Euro. Dass der Verein sich von Mitarbeitern, die z.T. auf 450 €-Basis für den Club tätig waren aus „wirtschaftlichen und organisatorischen Gründen“ getrennt hat, dürfte ein weiteres Anzeichen sein, wie angespannt die finanzielle Lage des Gelsenkirchener Vereins ist. Für weiteren Diskussionsstoff in Fankreisen sorgte die peinliche Forderung des Clubs an seine Dauerkarteninhaber, die Rückerstattung der Eintrittsgelder für Corona-bedingte Geisterspiele wirtschaftlich und nach Möglichkeit mit Belegen zu begründen.

Menschenkette für die traditionellen Werte

Letzteres dürfte dann auch im Wesentlichen zum Rückzug von Finanzvorstand Peter Peters geführt haben. Und natürlich hat – obwohl der Schauplatz absolut nichts mit Fußball zu tun hat –  auch die Corona-Infektion in der Fleischfabrik von Clemens Tönnies viel Vertrauen gekostet. „Schalke ist kein Schlachthof“ war auf einem der zahlreichen Spruchbänder zu lesen, mit dem über 1.000 Fans am letzten Spieltag bei einer Demo gegen die jüngsten Entwicklungen in ihrem Club protestierten.

Ob mit oder ohne schwarzgelbe Brille muss die Frage erlaubt sein: Wie kann es in einem Verein, der mit dem BVB durchaus viele Gemeinsamkeiten hat, überhaupt so weit kommen, dass sich viele Fans derart von Vereinsmanagement und der Führung ihres Clubs distanzieren? Und wer sich jetzt möglicherweise fragt, „was sollen denn das für Gemeinsamkeiten zwischen S04 und BVB sein?“ – dem sollten vielleicht diese Punkte ein wenig zum Nachdenken anregen:

  • Beide Clubs haben ihre Wurzeln in der Arbeiterklasse des Ruhrgebiets. Der Bergbau prägte die Schalke-Kultur, beim BVB war es zusätzlich noch die Stahlindustrie (Hoesch)
  • Beide Vereine weisen eine über hundert Jahre alte Vereinshistorie mit zahlreichen Titelgewinnen auf. Auch, wenn die letzte Deutsche Meisterschaft der Schalker in 1958 über 60 Jahre zurückliegt
  • BVB und S04 spielen in hochmodernen, in der Regel bei jedem Heimspiel ausverkauften Stadien
  • Die Fans beider Clubs zeichnen sich durch langjährige, teilweise in den Familien vererbte Vereinstreue aus. Dabei sind Sympathien für den anderen Rivalen aus dem Revier, ob nun schwarzgelb oder königsblau, so gut wie ausgeschlossen. 

Beim Stichwort „Anhänger“ ist es allerdings mein Eindruck, dass Schalke-Fans vielleicht ein wenig euphorischer als BVB-Fans sind. Gewinnt Schalke einige Spiele in Folge – was bei jedem Verein vorkommt – strahlt der Himmel sofort in sattem königsblau und Titelträume reifen. Die Mehrheit der BVB-Fans verhält sich hier doch deutlich abwartender und vielleicht auch ein wenig objektiver. Aber natürlich kochen die Emotionen in beiden Lagern hoch, wenn es um das Wohl ihrer Clubs geht, sei es auf dem Rasen oder außerhalb des Platzes. 

Rivalität Ja – Gewalt Nein!

Zwei Dinge sollten auf jeden Fall in beiden Fanlagern unterbleiben: einerseits jede Form von Gewalt beim Aufeinandertreffen beider Fangruppen, andererseits auch jede Form von Schadenfreude, wenn es dem Gegner sportlich und/oder finanziell – wie jetzt bei Schalke – nicht so gut geht. Viele Traditionsvereine, die in der Vergangenheit regelmäßig um Titel mitspielten, sind in der Versenkung verschwunden. Comeback-Versuche mit Rückkehr in die erste Liga sind  – wie in dieser Saison beim HSV – häufig gescheitert und wann und ob sie wieder gelingen, ist ungewiss. Und die Liste der Traditionsvereine, die sich aus der ersten Bundesliga verabschiedet haben und jetzt in niedrigeren Klassen spielen ist lang: 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Braunschweig, München 1860, Rot Weiss Essen, Dynamo Dresden, Karlsruher SC, 1. FC Nürnberg und noch viele andere.

NoGo: Bundesliga ohne Revierderbys

Alles Clubs mit einer ruhmreichen Vergangenheit, die aber seit Jahren sportlich und oft auch finanziell nicht mehr in der ersten Reihe zu finden sind. Und es wäre schade, wenn demnächst auch Schalke 04 in dieser Liste auftauchen würde, denn dann gäbe es auch keine Revierderbys mehr. Insofern sollten selbst 1909%ige BVB-Fans dem Rivalen die Daumen drücken, dass in Gelsenkirchen die sportliche, finanzielle und die Führungskrise überstanden wird. Denn ein Verein wie Schalke gehört in die erste Bundesliga und so lange wie der BVB in der Tabelle vor dem Club aus Gelsenkirchen steht, ist die schwarzgelbe Fußballwelt doch auch in Ordnung.

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