Zum 695. Mal: Die Bodelschwingher Kirmes

Schießkünste

Wer kennt es nicht: Ereignisse, die mit starken, emotionalen Empfindungen verknüpft sind, prägen sich besonders tief ins Gedächtnis ein. Noch nach vielen Jahren kann man sich daran erinnern, an welchem Ort man sich gerade aufhielt , als am 11. September 2001 die die Nachricht vom Terroranschlag auf das World Trade Center verbreitet wurde, wo und wie man die erste Mondlandung miterlebte oder womit man beschäftigt war, als am 2. Weihnachtstag 2004 die Meldungen über die schreckliche Tsunami-Katastrophe vor Thailand einliefen.

In diesem Zusammenhang nur gut, dass unser Gehirn in der Lage ist, auch Erinnerungen an angenehme Ereignisse ein Leben lang abzuspeichern: Der erste Kuss, das erste Fahrrad, das erste Auto, Hochzeit und Geburt der Kinder, alles Wegmarken, die bei allem Leid der Welt dazu beitragen, die emotionale Balance nicht zu verlieren.

Darauf, was am Sonntag, dem 4. Juli 1954 die Welt bewegte, wird jeder – spätestens nach einer Google-Recherche – gleich stoßen. Deutschland errang im Berner Wankdorf-Stadion zum ersten Mal die Fußball-Weltmeisterschaft. Bei strömendem Regen, dem nach diesem Tag genannten „Fritz-Walter-Wetter“, besiegte das Deutsche Nationalteam sensationell die favorisierten Ungarn mit 3:2.

Für uns Kinder ein Problem: Am gleichen Sonntag war aber auch Kirmes in Bodelschwingh, ein Volksfest, auf das wir uns schon lange vorher gefreut hatten. Und dazu noch bestes Sommerwetter! Trotzdem: Ich wollte Weltmeister werden und gab der Radio-Übertragung den Vorzug. Fiebernd verfolgte ich den Bericht der Reporter-Legende Herbert Zimmermann.
Dann jedoch recht bald die große Ernüchterung: Nach acht Minuten führte der haushohe Favorit Ungarn durch Tore von Puskas und Czibor bereits mit 2:0 und keiner setzte mehr einen Pfifferling auf die Deutschen. Ich auch nicht. Resigniert schaltete ich das Radio ab und zog es vor, mit meinem Onkel Willi den Weg nach Bodelschwingh anzutreten.

Schon unterwegs bereute ich meinen Entschluss, denn bis zur Pause hatten Maxl Morlock und unser Ruhrgebiets-Idol Helmut Rahn ausgeglichen. Da jedoch aus fast allen am Weg liegenden Wohnungen Herbert Zimmermanns schneidige Stimme uns die aktuelle Spielsituation schilderte, waren wir stets gut informiert.
Auch auf dem Kirmesgelände hatten alle Stände und Karussells statt Schlagermusik die Reportage eingeschaltet. Grenzenloser Jubel natürlich beim 3:2-Siegtor durch Rahn. Originalton Zimmermann: “Halten sie mich für verrückt, halten sie mich für übergeschnappt, ich glaube, auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben, sollten sich an der Begeisterung unserer Mannschaft und an unserer eigenen Begeisterung mitfreuen …”

Die Begeisterung übertrug sich natürlich auch auf uns. Mein Onkel, der mit Fußball nichts am Hut hatte, für jeden Scherz aber zu haben war, freute sich mit mir. Zur Belohnung versprach er mir, an einer der Kirmesbuden ein kleines Geschenk zu erschießen. Doch entgegen der Schießkünste unserer Fußball-Helden traf er nicht einmal eins der Tonröhrchen, die anzuzielen waren.

Mit seiner List kam ich dann doch noch zu meinem Geschenk. Onkel Willi bot dem Schießbudenbesitzer eine Wette an, er wolle mit einem einzigen Schuss gleich zwei Tonröhrchen zerstören. Dass der Kirmesmann einwilligte, war sein Fehler, denn der nächste Schuss landete in dem unschwer zu treffenden Karton, in dem er seine Ersatz-Röhrchen aufbewahrt hatte. Klar, dass nach dem Tonscherben-Salat, den er angerichtet hatte, das Preisschießen für uns beendet war.

In wenigen Tagen findet die Bodelschwingher Kirmes bereits zum 695. Mal statt. Das größte und älteste Dortmunder Volksfest hat wie keine andere Veranstaltung immer noch Integrationskraft für den ganzen Stadtbezirk. Und es erinnert mich immer wieder an unsere damaligen Fußballhelden und unsere kleine Schummelei an einer Bodelschwingher Schießbude.

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