Stadtbezirk Mengede erinnert an die Pogromnacht am 9.Novmber 1938

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„Kein Prophet redete mehr“

Zum 81. Mal hat sich am vergangenen Samstag – dem 9. November  – die Reichspogromnacht gejährt. In dieser Nacht wurden im Jahr 1938 in ganz Deutschland jüdische Geschäfte, Wohnungen und Einrichtungen von den Nazis angegriffen und zum Teil zerstört.Zur Erinnerung an diese Greueltaten hat das „Netzwerk gegen Rechts im Stadtbezirk Mengede“ heute vor einer Woche eine Gedenkveranstaltung durchgeführt.

Zunächst traf sich eine kleine Gruppe am Mengeder Amtshaus und machte sich von dort auf den Weg zu ev. St. Remigiuskirche. Vorher hielt man kurz inne an der Williburgstr. 6. Hier befindet sich ein Stolperstein zur Erinnerung an Salomon und Else Heimberg, die 1942 bzw. 1945 von den Nazis ermordet wurden. In einer kurzen Ansprache mahnte Pfarrer Rainald Martin-Bullmann unsere demokratischen Errungenschaften nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen und wachsam zu sein, damit sich die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht wiederholen.

In der gut besuchten St. Remigiuskirche fand danach eine Andacht statt, die musikalisch vom Streichertrio  Susanna, Paul und Julia Biosca sowie Reinhard Kraus am Piano begleitet wurde. Dazwischen wurden  unterschiedliche Texte vorgetragen und die BesucherInnen zündeten zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus Kerzen an.

Zunächst erinnerte Pfarrer Reinald Martin – Bullmann in seiner kurzen Begrüßung  an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938,

  • in der deutsche Nazis Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen überfielen,
  • daei 1.400 Synagogen und Gebetshäuser niederbrannten,
  • 7500 jüdische Geschäfte und Hunderte Privatwohnungen verwüsteten,
  • über 30.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppten,
  • dass die meisten Deutschen gleichwohl hilf- und ratlos auf die sich hier bahnbrechende Gewalt reagierten

Es war auch am diesjährigen Gedenktag eine würdige Veranstaltung. Sie machte deutlich, dass solch ein Termin mehr sein muss als ein Blick zurück; vielmehr ist es  notwendig, die Täter solchen Unrechts rechtzeitig und klar zu benennen.

Im folgenden sind mit Einverständnis von Pfarrer Martin-Bullmann dessen  während der Andacht in der ev. St. Remigiuskirche vorgetragene Gedanken abgedruckt:

 Liebe Anwesende, „Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Land“ und „kein Prophet redet mehr.“   Diese beiden Sätze aus Psalm 74 unterstrich Dietrich Bonhoeffer in seiner Bibel. Daneben schrieb er das Datum: 9. November 1938.   Das ist jetzt 81 Jahre her. Und es bleibt für immer  unbegreiflich. Für die Jüngeren wie mich, für Euch, aber auch für die, die es miterlebt haben. Vielleicht sind einige davon heute noch hier in unserer Andacht.

Sie waren damals noch Kinder. So auch ein älterer Mensch, der mir vor Jahren erzählte, wie er und andere Kinder damals die brennende Synagoge in Dortmund sahen. Sie beobachteten auch, was die Feuerwehrleute machten. Und dann fragten die Kinder: Warum löschen die denn nur die Nachbarhäuser und nicht die brennende Synagoge?  Doch: So wie hier war das in vielen Städten. Die Feuerwehren schützten nur die Nachbarhäuser. Nur in wenigen Städten und Orten konnten die Synagogen gerettet werden.
Zum Beispiel die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin. Da war es der Vorsteher des Polizeireviers, Wilhelm Krützfeld. Mit einigen seiner Beamten verjagte er die SA-Brandstifter und benachrichtigte die Feuerwehr. Und die löschte tatsächlich den beginnenden Brand der Synagoge.

Seit damals wissen wir: es wurden nicht nur  Synagogen zerstört, nein auch Wohnungen, Geschäfts- und Büroräume von Jüdinnen und Juden wurden demoliert und deren Bewohner misshandelt.                                                              So wie hier bei uns in Mengede der Jude Hirsch mit seinem Bekleidungsgeschäft. Ihm gehörte damals das Haus, in dem bis vor Kurzem jahrelang eine Schleckerfiliale war. Auch hier bei uns gab es Tote zu beklagen. Wir haben ihrer gerade gedacht – an den Stolpersteinen für Else und Salomon Heimberg

Der 9. November war der Beginn der von einer beispiellosen staatlichen Diskriminierung beginnend mit dem sogenannten „Judenboykott“ – unfassbarerweise legitimiert durch die Nürnberger Rassegesetze – was letztlich zur systematischen Verfolgung aller Juden Europas führte.Wer den Brand entfacht hat? Entfacht hatten ihn wenige, aber dabei gestanden, zugeschaut und geschwiegen haben viele,die Hände zum Löschen gehoben hat keiner.“

„Kein Prophet redet mehr“, hatte sich Dietrich Bonhoeffer in seiner Bibel unterstrichen  – und Keine Kirche redet und schreit laut auf – hat er wohl gemeint.                                                                                                              Denn weder in der ev. noch in der kath. Kirche gab es nach dieser Nacht  eine eindeutige Stellungnahmen – angesichts des vor aller Augen Geschehenen.                                                                                              Einige – wie die unsäglichen sogenannten Deutschen Christen – haben die Ausschreitungen und die Gewalt sogar begrüßt  und der Meldung der Nürnberger Tageszeitung vom 10. November 1938 zugestimmt, dass der  „Tempel des rachsüchtigen Judengottes in Flammen aufgegangen sei“. „Der Tempel des rachsüchtigen Judengottes“ – das ist eine so extrem antisemitische Formulierung, die auch heute noch  bei manchem Antisemiten aktuell ist.                                    

Und  darum ist es für mich als Angehöriger der 3. Generation wichtig, mich diesen Erinnerungen, mich unserer Geschichte zu stellen. Erschüttert war und bin ich nämlich, dass erst Ende der 60er Jahre (!!!) ev. Theologinnen und Theologen begannen, sich mit der jahrhundertealten Tradition des christl. Antijudaismus auseinanderzusetzen. 

 Aber ist das eine Erklärung dafür, dass die Kirchen kaum etwas gesagt und getan haben  gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten?  Nichts gesagt haben gegen die physische Verfolgung und Ermordung des europäischen Judentums?

Erst vor 25 Jahren hat unsere Kirche jedem Antisemitismus ausdrücklich widersprochen und ihren Grundartikel erweitert. „Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bezeugt die ev. Kirche neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen.“ 

Nun stellen Historiker gern fest, dass hier bei uns doch noch einiges aussteht an Verarbeitung. Und man könnte den Verdacht haben, dass den an vielen Orten aufgestellten Denkmälern etwas aufgetragen wird, was eigentlich im Inneren der Menschen stattfinden sollte.
Statt dessen scheint es, dass der erforderliche Prozess des menschlichen Erinnerns allzu oft auf das Äußere eines Denkmals verlagert wird und damit zu einer „Versteinerung der Gewissensproblematik“ führt…Es wird etwas in Stein oder Metall gegossen, was eigentlich dem Menschen aufgetragen ist.  Wäre es nicht viel wichtiger, vom Äußerlichen zum Inneren zu gelangen und damit auch vom Allgemeinen zum Konkreten ?

Lange Jahre hat man von der Kollektivschuld der Deutschen gesprochen. Aber dies führte zu einem viel zu diffusen Schuldgefühl, das sich von Generation zu Generation weitervererbt hat. Ich habe den Verdacht, dass die Rede von der Kollektivschuld dazu beitragen sollte, konkrete Schuld zu verwischen und die wieder in Amt und Würde eingesetzten Täter in der Nachkriegszeit zu schützen.
Wäre es für uns nachfolgenden Generationen nicht wesentlich heilsamer gewesen, Schuld wäre konkret benannt worden?
Die wenigen Prozesse in Nürnberg nach dem Krieg, die es gab, konnten da wohl kaum ausreichen,                                                                        zumal unfassbar viele Täter viel zu früh und viel zu schnell begnadigt wurden.

Hannah Arendt schrieb in den 60er Jahren in ihrer Kritik des Begriffes Kollektivschuld:„Wo alle schuldig sind, da ist es niemand. Ich habe es immer für den Inbegriff moralischer Verwirrung gehalten, dass sich im Deutschland der Nachkriegszeit diejenigen, die völlig frei von Schuld waren, gegenseitig und aller Welt versicherten, wie schuldig sie sich fühlten, wohingegen fast niemand unter den Verbrechern bereit war, auch nur die geringste Spur von Reue zeigen.“

Ich glaube, es ist heute um so notwendiger, die Schuld und die Täter konkret zu benennen.   Denn die Frage nach den Tätern und ihren konkreten Taten und ihrem Denken hat inzwischen eine wichtige Rolle in der Gedächtnisarbeit und auch in der Theologie eingenommen.   „Von Gott reden im Land der Täter“.  So heißt ein vor einigen Jahren erschienener theologischer Sammelband von Autorinnen und Autoren der 3. und 4. Generation.  

Und diese Wende von der Rede über eine Kollektivschuld hin zur Benennung der konkreten Schuld ist immens wichtig für uns – die jüngere Generation. Nur so kann das diffuse Schuldgefühl, das sonst von Generation zu Generation weitergegeben wurde, überwunden werden.
Die Rede von der Kollektivschuld ist und bleibt ein Lippenbekenntnis: Benennen von konkreter Schuld dagegen – kann Herzen erreichen und ja – auch zerreissen.
Denn es tut weh, in der eigenen Familie Täter zu entdecken, stumme Mitläufer oder auch nur Nutznießer des damaligen Systems. Und es gibt jede Menge weiterer wichtigerer und herzzerreißender Fragen: Warum gab es so wenig Widerstand, als die Synagogen brannten?   Wie waren die Verbrechen der Nationalsozialisten möglich  – in einem Volk von Dichtern u. Denkern? 

Erfordert das nicht einen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, einen Prozess des Fragens und Redens, der Trauer und der Umkehr?

Gott sei Dank, gibt es heute in den meisten Städten Deutschlands wieder Synagogen!  Mit der Einwanderung von Jüdinnen und Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind wieder jüdische Gemeinden entstanden, wo wir es nicht für möglich gehalten haben – auch bei uns. Und es ist wichtig, dass diese Gemeinden unsere Unterstützung, unsere Solidarität und Schutz erfahren. Gerade nach den Ereignissen vor einem Monat in Halle …

Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Die Tatsache, dass vor 81 Jahren die Synagogen in Deutschland gebrannt haben, wird in unserem Verhältnis zu den jüdischen Gemeinden immer eine Rolle spielen. Die Narben auf den Herzen werden bleiben. Aber wir können doch mit ganzem Herzen umkehren. 

Soll dies kein frommer Wunsch oder ein Lippenbekenntnis bleiben,  will es verinnerlicht und gelebt werden. Und das heisst für uns: Jüdinnen und Juden sollen sich hier bei uns sicher und willkommen fühlen. Wir sollen das Gespräch mit ihnen suchen, mit unserer Zwillingsreligion. Gerade als ungleiche Zwillinge können wir viel voneinander lernen, und einander in Respekt begegnen, frei von den Diffamierungen.  Einander begegnen, voneinander lernen, miteinander handeln,  um so manches zu verwirklichen, was in unserer Gesellschaft noch aussteht: auf dass niemand wegen seiner Herkunft oder Religion bei uns benachteiligt oder diskriminiert wird, damit Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens unter uns wenigstens stückweise spürbar werde.  Die Wunde der brennenden Synagogen und der über sechs Millionen Ermordeten wird bleiben, aber Neuanfänge, in denen neues Vertrauen wachsen kann, sind möglich.  Es liegt an uns.

 

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