Buchempfehlung des Monats

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Elizabeth Strout: Die langen Abende

Mario Lars: Bücher

Olive Kitteridge kennt sie alle. Die Bewohner der kleinen Stadt an der Küste von Maine waren mehrere Generationen lang ihre Schüler. Sie kennt ihre Stärken und Vorlieben, ihre Schwächen und Ängste.  Sie weiß um die Familienabgründe, die gescheiterten Ehen, die finanziellen und sozialen Verhältnisse. Und sie mischt sich ein. Mühsam kaschiertes, aber auch nur Vermutetes spricht sie an, offen, deutlich.

Andere auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, schafft nicht unbedingt Freunde. Wenn man unbequeme Wahrheiten laut und pointiert ausspricht, wird man auch gefürchtet. Doch Olive ist da ganz sie selbst: spitzzüngig und kompromisslos. Auch innerhalb ihrer eigenen Familie. Doch echtes Mitgefühl, Warmherzigkeit bringt sie gerade den vermeintlich Gescheiterten, den Sonderbaren und Zweifelnden entgegen. Wer sie als LeserIn mit diesem Buch kennenlernt, ist fasziniert. Wer Olive Kitteridge bereits aus „Mit Blick aufs Meer“ kennt, wird diese inzwischen 70-jährige und verwitwete Olive lieben. In den sarkastischen, treffenden Äußerungen von Olive und ihrem neuen Lebenspartner hat Strout hier die Themen von Altwerden und Einsamkeit thematisiert. Jack Kennison, ein ehemaliger Harvard-Professor, fühlt sich wohl in ihrer widerspenstigen und kratzbürstigen Gegenwart. Selbst mit Kanten, Ecken und Marotten ausgestattet überzeugt er die widerstrebende Olive schließlich, noch einmal mit einem Mann zusammen zu leben, wenn auch nur auf begrenzte Zeit.

Meine Lieblingsepisode ist die elegant in das Gesamtgefüge eingebaute anrührende Geschichte um die „Larkin-Tochter“. Subtil. Großartig. Seite 113-143. Unbedingt lesen.

Hella Koch – Buchhandlung am Amtshaus

 

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