Buchempfehlung ( 7 ) von Gabriele Goßmann

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Rezension „Nächstes Jahr in Havanna“ – Chanel Cleeton

Vorbemerkungen

Gabriele Goßmann; Foto: Ramona – Studioline Photography

Gabriele Goßmann ist nicht nur den LeserInnen von MENGEDE:InTakt! bekannt, denn bis zum Ende des vorletzten Jahres gehörte sie auch zum Team der „Buchhandlung am Amtshaus“ und absolvierte dort eine Ausbildung als Buchhändlerin. Vorher hat sie studiert und das Studium mit einem Masterabschluss in Germanistik und Geschichte erfolgreich beendet.

Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin hat sie zunächst mal  überlegt,  wie es in Zukunft weiter gehen wird.  Diese Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen; sie weiß jedoch, dass sie weiter in der Buchbranche arbeiten möchte. Derzeit arbeitet sie in einem Versandantiquariat und beschäftigt sich daher mit alten Büchern anstatt mir neuen. In der Zwischenzeit hat sie ihre Webseite fertiggestellt,(www.auslesbar.de)Auf der möchte sie vor allem  Literaturempfehlungen  publizieren.

Ende  letzen Jahres ist ihr lesenswertes erstes Buch erschienen, das wir auf MIT am 1.1.2020 ausführlich besprochen haben. Das Erstlingswerk Biblio Berry hat sie unter dem Pseudonym Valentina Wunderlich veröffentlicht. 

Heute setzen  wir die Reihe fort, in der Gabriele Goßmann Bücher bespricht und zur Lektüre empfiehlt. (K.N.)

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Rezension „Nächstes Jahr in Havanna“ – Chanel Cleeton

Heyne TB Erschienen als deutsche Ausgabe: Juli 2019 ISBN: 978-3-453-42278-0 463 S.10,99 €

Mood                                  Geheimnisvoll, lieblich

©Chris Malpass.

Content
Mein Herz gehört Havanna
Miami 2017: Marisol macht sich auf den Weg in eine fremde Heimat: nach Kuba, das Land ihrer Familie. Hierher wollte ihre Großmutter Elisa Zeit ihres Lebens zurückkehren und jetzt soll sie hier beigesetzt werden. Havanna 1958: Elisa, Tochter eines Plantagenbesitzers, verkehrt in den besseren Kreisen Havannas und weiß kaum etwas über die Lage Kubas. Bis sie einen Mann kennenlernt, der tief verstrickt ist in die politischen Umwälzungen, die ihre Zukunft für immer verändern werden. (Klappentext)

Preview
„Jetzt, da es etwas abgekühlt hat, vibriert die Stadt geradezu vor Energie. Die Menschen schauen zu den Fenstern hinaus, sitzen auf Balkonen und Treppenaufgängen, lachen und scherzen, laut und übermütig. In diesem Moment möchte ich gern dazugehören, möchte, dass diese Stadt ein Teil von mir wird. Es dauert, bis wir die Straße überquert haben. Luis gestikuliert in Richtung der Fahrer und zieht mich sanft hinter sich her. Wenn uns ein Auto zu nahe kommt, schirmt er mich mit seinem Körper ab. Die Oldtimer fahren vorbei, nach Diesel stinkend, laut röhrend. Plötzlich sehe ich diese Straßenszene mit den Augen meiner Großmutter. So muss ihr Kuba ausgesehen haben.“ (Klappentext, Zitat aus dem Buch)

Review
Bei Chanel Cleetons Roman „Nächstes Jahr in Havanna“ handelt es sich um den Auftakt einer Kuba-Trilogie, um eine leichtere Frauenlektüre, die sich aber zugleich mit politischen Themen beschäftigt.

Vor dem Lesen dieses Buches wusste ich zugegebenermaßen nicht viel über Kuba und dessen Geschichte, auch wenn man das Gröbste schon öfters mal gehört hat: über den Kommunismus, die Revolution durch Fidel Castro und Che Guevara etc. Doch beim Lesen habe ich ein differenzierteres Bild von Kuba bekommen: Auf der einen Seite steht das historische Kuba, auf der anderen Seite das moderne, aber immer noch nicht „freie“ Kuba. Es gibt das Kuba in den Köpfen der ausgewanderten Kubaner und das der Gebliebenen, das der reichen, vom ehemaligen System unterstützten Kubaner und das der verarmten Bevölkerung. Die Großmutter erzählt ihre Lebensgeschichte aus der Sicht der Reichen, Einflussreichen, während ihre Enkelin als Nachfahrin der Auswanderer ihre Erlebnisse schildert. Zudem trägt eine zweigeteilte Atmosphäre zu diesem facettenreichen Bild Kubas bei. Auf der einen Seite ist es lieblich und romantisch, auf der anderen Seite brutal, Lebensfreude steht neben Armut: „Unter der Schönheit liegt die Verzweiflung verborgen.“ (S. 191)

Der Anfang der Geschichte beginnt mit einer skurrilen Situation. Marisol trägt die Asche ihrer Abuela durch Kuba, denn ihr ist die Aufgabe zuteil geworden, für sie eine letzte Ruhestätte in ihrer ehemaligen Heimat zu finden. Lange Zeit überlegt sie wohin mit der Asche, doch letztlich findet sie den passenden Ort – am Malecón, dem Platz der Liebenden.

Zu Beginn wird von der Flucht Elisas zusammen mit ihrer Familie im Jahre 1959 berichtet. Sie hat Havanna nicht freiwillig verlassen, sondern wurde durch die revolutionären Ereignisse im Zuge der Machtergreifung durch Fidel Castro und dem damit einhergehenden Sturz des Diktators Batista aus ihrem Heimatland vertrieben. Nach und nach erfährt der Leser, wie es zu dieser Flucht kam und welche Konsequenzen jene für Elisa hatte.

Für sie wird Kuba – wie für viele Exilkubaner – zu einem Projektionsort der Sehnsucht. In ihren Erzählungen spürt man immerzu die existenzielle Verbindung zu ihrem Heimatland, von dem sie nun unweigerlich getrennt ist. Der Titel „Nächstes Jahr in Havanna“ bezieht sich auf einen bekannten Trinkspruch der Exilanten, denn er wird niemals wahr. Ein zentrales Wort für diese unerschütterliche Hoffnung ist das Wort Ojalá, das im Text öfters vorkommt. Dieses Wort drückt eine typisch kubanische Einstellung aus. Es ist noch größer als Hoffnung und unkontrollierbar, es ist so etwas wie eine Fügung: „Das Wort enthält etwas Wunderschönes, mehr als nur flüchtige Hoffnung. Es rührt an den Kern des Lebens, an seine Höhen und Tiefen und seine absolute Unvorhersehbarkeit. Es legt letztlich alles in die Hände einer höheren Macht, indem es die Beschränktheit der Erdenbewohner eingesteht und die Hoffnung ausdrückt, dass das, was man sich im Innersten wünscht, tatsächlich irgendwann eintritt.“ (S. 435)

Elisa erfährt ihre erste große Liebe zum Revolutionskämpfer Pablo. Es ist wie in Romeo und Julia eine aussichtslose Liebe, da sie aus unterschiedlichen Welten kommen, sie aus reichem Hause, er ein gegen Familien wie ihre kämpfender Revolutionär. Elisa hat sich bisher nicht für politische Themen interessiert. Als sie jedoch Pablo kennenlernt und seine an sie gerichteten Briefe liest, wird sie von seinem Feuer der Entschlossenheit erfasst und entwickelt ihr eigenes politisches Bewusstsein. Sie beweist Mut, indem sie sogar ihr eigenes Leben riskiert, als sie Pablo retten lässt. 

Bevor sie mit ihrer Familie Kuba verlässt, vergräbt sie zusammen mit ihrer besten Freundin Ana auf materieller Ebene ihre wichtigsten Besitztümer und persönlichen Andenken in ihrem Garten, auf immaterieller Ebene vergräbt sie zugleich alle Erinnerungen und Geheimnisse tief in ihrem Herzen. Sie reist in dem Glauben ab, Pablo sei tot.

Als Marisol diese Geheimnisse – und das größte von allen: Pablo ist ihr Großvater – nach und nach lüftet, erkennt sie ihre Abuela zunächst nicht wieder. Obwohl sie dazugehören will, verliert sie sich immer mehr und weiß nicht mehr, wer sie ist, doch je besser sie Land und Leute kennenlernt, desto mehr findet sie zu ihren Wurzeln und zu sich selbst zurück. 

Bei der Enkelin droht sich das Schicksal der Großmutter zu wiederholen. Sie verliebt sich ebenfalls in einen Kubaner, ihre gemeinsamen Tage sind gezählt. Pablo und Luis unterscheiden sich hingegen in einer Hinsicht: Während Pablo in den Bergen mit ganzem Körpereinsatz kämpft, kämpft Luis auf modernere Weise. Er schreibt einen regimekritischen Blog, was ihn nicht weniger in Lebensgefahr bringt als Pablo. Das Paradoxe ist, dass es wieder die Politik ist, die den beiden im Weg steht. 

Marisol ist jedoch diejenige, die es letztlich schafft, die Hindernisse (zumindest vorerst) zu überwinden, indem sie Luis zur gemeinsamen Flucht verhilft. Es wird sich zeigen, ob Luis es schafft, außerhalb Kubas ein neues, glückliches Leben zu führen.

Sowohl Elisa als auch Marisol haben sich im Verlauf der Handlung weiterentwickelt. Elisa beginnt, die politischen Strukturen zu hinterfragen und Marisol findet das Stück ihrer Identität, das ihr bislang gefehlt hat. Eines ist den beiden jedoch gemeinsam: Ihr Herz gehört Havanna.

Best quote
„Wir haben nicht in den Bergen gekämpft, wir haben keine Waffen in unseren behandschuhten Händen gehalten, aber wir haben den Kampf in uns, wir alle.“ (S. 9)

Learning
Oft sagt man „Liebe überwindet alle Hindernisse“, doch anhand dieser Geschichte wird gezeigt, dass durch politische Ereignisse eine Liebe durchaus boykottiert werden kann und somit unerfüllt bleibt. Es verdeutlicht, welche Auswirkungen politische Entscheidungen auf den Einzelnen haben können. Von daher ist es wichtig, sich mit politischen Strukturen auseinanderzusetzen.

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