In Dortmund hat das Wasserwirtschaftsunternehmen die Gewässer im Norden der Stadt renaturiert
Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.
Das Wirken des Lippeverbandes in Dortmund
Die größte und letzte „Köttelbecke“ im Dortmunder Norden ist seit dem Spätsommer 2020 endgültig Geschichte: Der Lippeverband hatte seinerzeit die ökologische Verbesserung am Kirchderner Graben und seinen Nebengewässern Borlandgraben, Böckelbach und Erlenbach, Rüschebrinkgraben sowie am Oberlauf der Körne und am Dahlwiesenbach als Anschlussmaßnahme an das 2010 abgeschlossene Seseke-Programm fertiggestellt. In der Vergangenheit dienten die Gewässer als offene Schmutzwasserläufe. 2010 begannen die ersten Bauarbeiten zur Verlegung der unterirdischen Abwasserkanäle am Knoten Scharnhorst. 2015 konnte schließlich die Abwasserfreiheit des Kirchderner Grabens gefeiert werden. Die Renaturierung der Gewässer begann anschließend 2016. Vier Jahre später war das Ziel – blaue Flüsse mit grünen Ufern – abgeschlossen.
Aus Meideräumen wurden Gebiete der Naherholung
„Mit der Abwasserfreiheit des Kirchderner Grabens und seiner Nebengewässer haben wir die Lebens- und Aufenthaltsqualität der Anwohnerinnen und Anwohner enorm gesteigert“, betonte der Vorstandsvorsitzende des Lippeverbandes, Prof. Dr. Uli Paetzel, 2020 zur Fertigstellung der Arbeiten. Denn naturnahe Flussläufe würden die Bevölkerung dazu einladen, sich an den Gewässern aufzuhalten und zu entspannen. Im und am Wasser ist zudem Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten entstanden. Aus ehemaligen Meideräumen wurden Gebiete der Naherholung.
Durch die Renaturierung werden die Stadtteile Kirchderne und Scharnhorst merklich aufgewertet. So profitieren die Anwohnerinnen und Anwohner besonders von den Arbeiten des Lippeverbandes: Der Kirchderner Graben fließt bei ihnen buchstäblich an der Haustür vorbei. Statt an „Köttelbecken“ wohnen sie nun in unmittelbarer Nähe zu blauen Bächen mit grünen Ufern. Diese kann die Bevölkerung auf dem 1,6 Kilometer langen Fuß- und Radweg am unteren Kirchderner Graben und einem neuen etwa 600 Meter langen Teilstück am Oberlauf des Gewässers besonders genießen. Diese Radwege wurden seinerzeit im Rahmen des Projektes „nordwärts“ mit 16.000 Euro gefördert.
Die Natur ist zurück am Gewässer
Im Rahmen der ökologischen Verbesserung hat der Lippeverband die Gewässer aber nicht nur aus dem Betonkorsett befreit, das jahrzehntelang für den schnellen und zuverlässigen Abtransport des Abwassers erforderlich war. Die einst begradigten Flüsse und Bäche entwickeln sich seither zu abwechslungsreicheren und mäandrierenden Gewässertrassen. Die Veränderung an den Gewässern ist unübersehbar: Die Betonsohlschalen sind gewichen, dafür ist die Natur – das neue blaugrüne Leben – ans Gewässer zurückgekehrt.
Neben der Verlegung der Abwasserkanäle am Entwässerungssystem Knoten Scharnhorst waren durch die Entflechtung der Gewässer auch weitere Arbeiten nötig: So wurden das Abwasserpumpwerk Kirchderner Graben und das Gewässerpumpwerk Böckelbach neu gebaut sowie das Abwasserpumpwerk Böckelbach genauso umgebaut wie das Gewässerpumpwerk Kirchderner Graben.
Projektausmaße beeindrucken
Die Ausmaße der Arbeiten am Kirchderner Graben und seinen Nebenläufen sind auch aus heutiger Sicht beeindruckend: Insgesamt wurden 300.000 Kubikmeter Boden ausgehoben, 10.400 Meter unterirdische Kanalstrecken verlegt, vier Gewässer unterquert und Stauraum für 7.500 Kubikmeter Niederschlagswasser geschaffen. In die Abwasserfreiheit und die ökologische Verbesserung der Gewässer im Dortmunder Norden hat der Lippeverband insgesamt etwa 120 Millionen Euro investiert – davon rund 22 Millionen in die Renaturierung.
Von zentraler Bedeutung für den Hochwasserschutz im Dortmunder Norden ist das Hochwasserrückhaltebecken des Lippeverbandes in Scharnhorst: Es kann maximal 378.000 Kubikmeter Wasser fassen. Bei dem Hochwasser im Juli 2021 hat es wesentlich vor größeren Schäden geschützt!
Kläranlage Dortmund-Scharnhorst
Das Wirken des Lippeverbandes ist in Dortmund-Scharnhorst auch insbesondere nachts gut zu erkennen: an den grün beleuchteten Faulbehältern der Kläranlage des Lippeverbandes. Mit der Abwasserreinigung nimmt der Wasserwirtschaftsverband eine der wichtigsten Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Zur besseren Veranschaulichung: In der Kläranlage Dortmund-Scharnhorst sind im Jahr 2024 insgesamt 17.665.766 Kubikmeter Abwasser gereinigt worden. Die Anlage stammt aus dem Jahr 1995, sie ist ausgelegt für 190.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Im Durchschnitt flossen der Kläranlage im Jahr 2023 rund 586 Liter Abwasser pro Sekunde zu.
Infokasten:
Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.
