Archäologen graben Überreste des Kriegsgefangenenlagers an den Westfalenhallen aus

Die Ausgrabungen sind noch nicht beendet, danach werden die Funde restauriert.
© Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Bevor die neuen Messehallen mit dem Kongresszentrum und dem Eingang Süd tatsächlich gebaut werden, waren die Archäologen auf dem Baustellengelände unterwegs. Sie haben mehr Spuren des früheren Kriegsgefangenenlagers an den Westfalenhallen gefunden als erwartet.

Dass in der ersten Westfalenhalle und in Holzbaracken auf dem angrenzenden Gelände, dem früheren Volkspark, im Zweiten Weltkrieg Kriegsgefangene untergebracht waren, ist heute vielen gar nicht mehr bewusst. Das Lager der deutschen Wehrmacht hatte die bürokratisch-militärische Bezeichnung Stalag VI D (abgeleitet von „Stammlager“). Es war zeitweise einer der größten Lagerstandorte im westlichen Deutschland mit mehr als 76.000 gleichzeitig zugeordneten Menschen und bestand von September 1939 bis April 1945.

Rund 66.700 davon waren in Arbeitseinsätzen und daher nicht oder nur zeitweise im Lager. Sie wurden zur Arbeit in Zechen, an Hochöfen oder in der Rüstungsindustrie gezwungen – in Dortmund, im Ruhrgebiet, im Sauerland und Münsterland. Die Bedingungen waren extrem, Tausende starben durch Entkräftung, Hunger und unmenschliche Behandlung. Vorwiegend aus Frankreich, Polen, dann der Sowjetunion (Russland, Weißrussland, Ukraine) kamen die Kriegsgefangenen – aber auch aus Belgien, Großbritannien, Jugoslawien (Serbien) den Niederlanden und der Tschechoslowakei (Slowakei) sowie später auch aus Italien. Maximal etwa 10.000 befanden sich zeitgleich im Stalag VI D.

Neubau bietet einmalige Chance, verborgene Spuren zu sichern

Die Ausgrabungen am Stalag VI D aus dem Zweiten Weltkrieg bringen diese Dimensionen der Kriegsgefangenschaft in Dortmund ans Licht. „Erstmals sind größere Bereiche des Kriegsgefangenenlagers archäologisch freigelegt und systematisch ausgewertet worden“, berichtet Ingmar Luther, Leiter der Unteren Denkmalbehörde bei der Stadt Dortmund. Schon während der Planungen für den Neubau von zwei Messehallen im Bereich der ehemaligen Reitställe rückte dieser Ort von außergewöhnlicher historischer Tragweite in den Fokus. Die Westfalenhallen Unternehmensgruppe steht bereits seit 2019 in enger Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde, um die archäologische Substanz dokumentieren, sachgerecht bergen und erhalten zu können.

Bauliche Strukturen, Lederschuhe, Arzneifläschchen und Münzen

Seit einigen Wochen nun laufen Vorbereitungen, um die Baufläche herzustellen. Mit dabei sind die Fachleute der archäologischen Fachfirma Eggenstein Exca. Sie begleiten jeden Eingriff in den Boden, untersuchen ihn archäologisch und dokumentieren das gesamte Spektrum der im Boden erhaltenen Spuren des Lager-Areals.

Dabei geht es nicht nur um einzelne Funde – die Archäolog*innen wollen die gesamte Lagerlandschaft mit ihren unterschiedlichen Zeitschichten erfassen und einordnen. Keine einfache Aufgabe, denn Spuren aus dem Krieg überlagern sich mit Überprägungen der Nachkriegsnutzung sowie späteren baulichen Eingriffen. Die Interpretation dieser komplexen Schichtungen erfordert ein hohes Maß an fachlicher Präzision und Fingerspitzengefühl, um der historischen Bedeutung des Ortes gerecht zu werden. Neben baulichen Resten der Lagerinfrastruktur wurden auch Alltagsfunde der internierten Menschen geborgen. Zusammen mit den Strukturen ergeben sie ein vielschichtiges Bild des Lagerlebens.

Seltene Einblicke in die Lebensbedingungen im Lager

Die Relikte des Lagers sind deutlich aussagekräftiger und dichter, als die Fachleute erwartet hatten. Die Fundament- und Bodenstrukturen mehrerer Barackenstandorte sind erhalten – so ergibt sich erstmals ein präzises Bild, wie das Lager baulich organisiert war. Parallel dazu treten im freigelegten Boden zahlreiche Bombentrichter deutlich hervor. Die Bomben müssen einzelne Barackenbereiche direkt erfasst haben – das macht diesen historischen Ort umso tragischer.

Zu den Funden des Alltagslebens der internierten Menschen zählen Lederschuhe, Arzneifläschchen, Patronenhülsen, eine Zahnpastatube aus Frankreich, Knöpfe und Münzen. Diese Funde eröffnen seltene Einblicke in den Alltag und die Lebensbedingungen im Lager.

Dass diese Strukturen und Funde unter der heutigen Oberfläche so gut erhalten sind, ist auf die in Teilen nur gering überprägte und flache Nachkriegsnutzung des Geländes mit den Pferdestallungen zurückzuführen. So konnten große Bereiche des ehemaligen Lager-Areals in einem archäologisch günstigen und auswertbaren Zustand überdauern.

Archäologie trifft internationale Quellenrecherche

Parallel zu den Ausgrabungen arbeitet die Untere Denkmalbehörde an einer umfassenden Archiv-Recherche, die nationale und internationale Bestände einbezieht. Ziel ist es, die archäologischen Befunde mit zeitgenössischen Dokumenten zu verknüpfen und so ein möglichst dichtes Gesamtbild zu gewinnen. Einige historische Bearbeitungen und Publikationen zum Lager gibt es schon. Zu den jüngst neu erschlossenen Quellen zählen Lagerpost von Kriegsgefangenen von und an ihre Angehörigen, Feldpost-Korrespondenzen der Wehrmacht, historische Fotografien von Gefangenen sowie persönliche und administrative Dokumente wie Bankvollmachten oder ärztliche Unterlagen.

Diese Kombination aus materiellen Hinterlassenschaften sowie schriftlichen und bildlichen Quellen ermöglicht es, die Geschichte des Lagers nicht nur strukturell zu rekonstruieren, sondern auch anhand individueller Lebensgeschichten nachzuvollziehen. Historische Zusammenhänge lassen sich so unmittelbar, anschaulich und quellenbasiert vermitteln. Die Verbindung von archäologischen Befunden mit persönlichen Dokumenten eröffnet eine neue Qualität der Forschung.

Eindringliches Zeugnis von Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit

Die freigelegten Strukturen, Spuren und Funde zeugen eindringlich von der Geschichte der Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland. Im Spannungsfeld zwischen Stadtentwicklung, archäologischer Forschung und Erinnerungskultur ist ein besonders verantwortungsvoller Umgang mit diesem historisch belasteten Ort gefragt.

„Das Stammlager VI D war einer der größten Lagerstandorte im westlichen Deutschland. Bislang war er kaum sichtbar und wurde daher öffentlich kaum wahrgenommen. Umso wichtiger sind die nun gewonnenen Erkenntnisse“, erklärt Ingmar Luther, Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde. „Die aktuellen Forschungen geben uns die Chance und die Verantwortung, diesen Ort sichtbarer zu machen und seine Geschichte in die lokale, nationale und europäische Erinnerungskultur einzubringen.“

Auch Spuren aus älterer Zeit gefunden

Übrigens haben die Achäolog*innen nicht nur lagerzeitliche Spuren, sondern auch deutlich ältere Relikte gefunden, die eine vorausgehende Nutzung des Areals belegen. Besonders hervorzuheben ist eine historische Wegeführung, die sich unter den Baracken als dunkle, knapp 2 m breite Verfärbung zeigt. Die lineare Struktur verweist auf eine ältere Trasse, die durch die spätere Lagerbebauung überprägt wurde und im Gelände heute nur noch teilweise vorhanden ist. Im direkten Umfeld dieser alten Wegeführung wurden zahlreiche Einzelfunde geborgen, darunter Sackplomben und Münzen – zum Beispiel ein Stüber (Kleingroschenmünze) aus dem 18. Jahrhundert. Diese Zeugnisse belegen die lange Nutzungskontinuität des Geländes über die Lagerzeit hinaus. Möglicherweise gab es schon eine Nutzung in der Vorgeschichte, zwei kleine Gefäßscherben lassen das vermuten.

Auch wenn die Überreste des Lagers und der vorherigen Zeit unter dem Neubau der Messehallen wieder verschwinden werden, sollen sie im gesellschaftlichen Bewusstsein erhalten bleiben. Ob und wie die Funde vielleicht am Ort kenntlich gemacht oder ausgestellt werden können, steht noch nicht fest. Noch laufen die Untersuchungen. Wenn die Ausgrabungen abgeschlossen sind, werden die Ergebnisse in den nächsten Monaten weiter ausgewertet. Sie bilden die Grundlage für eine vertiefte wissenschaftliche und erinnerungskulturelle Aufarbeitung.