16 Stipendiat*innen wurden verabschiedet, 16 begrüßt – eine Stipendiatin der ersten Stunde spricht über ihre Erfahrungen

In der Nordstadt lebt Rüveydes Familie in der dritten Generation. Hier fühlt sie sich wohl.
© Stadt Dortmund / Roland Gorecki
Das Diesterweg-Stipendium ist das erste Familien-Bildungs-Stipendium in Deutschland. Seit 2014 werden alle zwei Jahre 16 Dortmunder Kinder und ihre Famlien auf dem Bildungsweg begleitet. Ziel ist es, Kinder mit besonderem Leistungspotential und ihre Eltern beim wichtigen Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule zu stärken. Gemeinsam entdecken sie neue Kompetenzen, vertiefen ihr Wissen und lernen zahlreiche spannende Bildungs- und Kulturorte in Dortmund kennen.
Das Stipendium wirkt nachhaltig
Die Bedeutung des Diesterweg-Stipendiums unterstrichen Manfred Hagedorn (Geschäftsführer schul.inn.do e.V.) und Uta Doyscher-Lutz (Schulamtsdirektorin für die Stadt Dortmund) in ihren Reden auf der Bühne im Rathaus. Sie würdigten das Engagement der Familien und aller Beteiligten und betonten die nachhaltige Wirkung des Projekts für die Dortmunder Bildungslandschaft. Bürgermeisterin Britta Gövert zitierte den Namensgeber des Stipendiums: „Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg – ein Pädagoge, der schon vor fast 200 Jahren wusste: Bildung gelingt dort am besten, wo Menschen einander begleiten, statt nur zu belehren. Genau diesen Gedanken erlebe ich in diesem Projekt bis heute.“
Wer in den Genuss dieses Stipendiums kommt, hat schon im Vorfeld auf sich aufmerksam gemacht: Für einen Platz als Diesterweg-Stipendiat*in wird man durch seine Grundschullehrer*innen in der dritten Klasse empfohlen. Oft sind es Kinder, die besonders neugierig sind und eine große Lust am Lernen zeigen.
Individuelle Potentiale entwickeln
In den zwei Jahren gibt es wöchentlich Sprachtrainings, es geht aber auch um individuelle Potentiale und auch darum, das Selbstbewusstsein mancher Kinder zu stärken. Aber das ist noch nicht alles.
An Akademietagen machen sie gemeinsam mit ihren Familien spannende Entdeckungen in Bereichen wie Technik, Naturwissenschaft, Kunst, Kultur oder Medien. Die Oster- und Herbstferien werden zu Lernferien. In den dreitägigen Workshops geht es um ganzheitliche Lernstrategien, um Lerntechniken und um die Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken.
Das Dortmunder Stipendium ist Teil eines bundesweiten Netzwerks: Insgesamt gibt es derzeit zwölf Standorte in Deutschland, an denen Familien von diesem einzigartigen Förderprogramm profitieren.
500 Stipendiat*innen in Dortmund
In den vergangenen zwölf Jahren haben rund 500 Menschen am Dortmunder Diesterweg-Stipendium teilgenommen. Viele ehemalige Stipendiat*innen der ersten Generation studieren heute, sind in Ausbildung oder bereits im Berufsleben angekommen – ein Beweis für die nachhaltige Wirkung des Projekts.
Getragen wird das Stipendium von einer starken Verantwortungsgemeinschaft: dem Regionalen Bildungsbüro der Stadt Dortmund, dem Verein schul.inn.do e.V., dem Land NRW, der Heinz-Nixdorf-Stiftung, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main und seit 2024 auch der Firma Dr. Ausbüttel & Co GmbH.
Ein besonderer Dank gilt den langjährigen ehrenamtlichen Bildungspaten, die mit ihrem Engagement maßgeblich zum Erfolg und zur vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Familien beitragen.
Rüveyde Erdogan war Diesterweg-Stipendiatin der ersten Stunde. Heute studiert sie Bauingenieurswesen an der TU Dortmund
Rüveyde Erdogan ist eine Absolventin des Diesterweg-Stipendiums. Von 2014 bis 2016 war sie Stipendiatin im Förder-Programm und gehört zur ersten Generation in Dortmund. Rüveyde ist heute 21 Jahre alt und studiert Bauingenieurswesen an der TU Dortmund. Im kommenden Sommersemester will sie ihre Zwischenprüfung machen.
Von der Förderung überrascht
Dass sie so weit gekommen ist, davon ist sie überzeugt, verdankt sie auch den zwei intensiven Jahren durch die Diesterweg-Förderung. Vorgeschlagen für das Stipendium wurde Rüveyde von ihrer Grundschullehrerin an der Libellen-Grundschule. Rüveyde: „Wir waren damals schon ein wenig überrascht davon. Meine Noten waren nicht die Besten. Wie sich herausstellte, war das auch gar nicht so wichtig. Bei dem Stipendium geht es viel mehr darum, dass Eltern und Kinder offen sind für Entwicklung, dass man begeisterungsfähig ist, dass man bereit ist, mehr als nur für die Schule zu lernen. Das hat meine Lehrerin wohl in mir gesehen.“
Das Stipendium fördert nicht das Kind allein, es fördert die gesamte Familie. Das Stipendium begleitet Kind und Familie beim Übergang auf die weiterführende Schule. Es beginnt mit dem 4. Schuljahr und endet nach dem 5. Schuljahr. Unabhängig von der sozialen Position einer Familie soll Bildung allen Kindern und Jugendlichen gleichberechtigt zugänglich sein. Das Stipendium unterstützt daher gezielt Familien, deren Kinder ihre Fähigkeiten aus verschiedenen Gründen nicht optimal auf dem Bildungsweg entwickeln können, zum Beispiel durch einen nichtakademischen Haushalt, finanzielle/soziale Benachteiligung, geringe Deutschkenntnisse oder Fluchtgeschichte der Eltern.
Familie hat sich bewusst für die Nordstadt entschieden
Rüveyde lebt in der dritten Generation in Deutschland. Ihr Opa Ismail kam aus Trabzon am Schwarzen Meer ins nasskalte Ruhrgebiet – erst nach Essen, dann nach Dortmund, in die Nordstadt. Hier leben über 61.000 Menschen aus 142 verschiedenen Nationen. Viele bleiben hier hängen, wenn sie aus ihrer Heimat fliehen mussten. Rüveydes Familie hat sich bewusst für die Nordstadt entschieden.
Die junge Frau ist hier aufgewachsen. Als Kind war das herrlich: Nur ein paar Schritte zum Nordmarkt, andere Kinder treffen, schaukeln, klettern, spielen. Das war eine tolle Zeit. Über die Nordstadt sagt sie heute: „Hier fühle ich mich wohl. Es ist alles vertraut. Nordstadt bedeutet für mich schon immer Geborgenheit, Zusammenhalt. Wenn unsere Eltern arbeiten waren, haben die Nachbarn auf uns aufgepasst. Und umgekehrt. Das ist auch jetzt noch ein schönes Gefühl.“
Dass die Nordstadt auch eine andere Seite hat, weiß sie. Statistiken belegen: Kinder aus der Nordstadt haben es schwerer als Kinder aus anderen Bezirken. Sie machen viel seltener Abitur und erhalten auch seltener Gymnasialempfehlungen: Im vergangenen Schuljahr haben 52 Prozent aller Hombrucher Grundschüler*innen eine uneingeschränkte Empfehlung für das Gymnasium bekommen – in der Nordstadt waren es 7,2 Prozent.
Empfehlung für die Realschule
Für Rüveyde gab es auch keine Empfehlung fürs Gymnasium. „Ich sollte zur Realschule. Meine Eltern und ich haben damals entschieden, dass ich trotzdem aufs Gymnasium gehe.“ Sie hatte zwar nicht die Noten dafür, „aber ich hatte einen unbändigen Willen. Das ist auch genau das, was uns die Fachleute im Stipendium gesagt haben: ,Ihr könnt über euch hinauswachsen!‘“
Die Familie ist stolz, weil Rüveyde die erste mit Abi ist
Auf dem Abiturzeugnis steht eine 2,7. Die Familie ist stolz auf sie. Sie ist die erste, die Abitur gemacht hat. Rüveyde selbst ist auch stolz darauf. Sie freut sich über die Freiheit, über die Chancen, die ihr das Abi ermöglicht. Sie genießt das Studium und hat schon Pläne für die Zeit danach: „Ich möchte Bauwerke schaffen, die von Bedeutung sind. Und ich möchte eine Familie gründen.“ Vielleicht drei Kinder, sagt sie und lächelt. „Vielleicht ziehe ich dann auch weg aus der Nordstadt. Eving ist auch schön.“