Zum Tode von Horst Schmechel

Ein langer Weg

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Als MENGEDE:InTakt!  im Herbst letzten Jahres ein Interview mit Horst Schmechel über sein langes und erfülltes Leben führte und wissen wollte, was er eigentlich so macht, sagte er, er empfände es als besondere Gnade, dass er für sein Alter noch „gut auf den Beinen“ und “klar im Kopf” sei.  “Rückzug aufs Altenteil” – das wisse er gar nicht, wie das für ihn aussehen könnte.

 Am Mittwoch vor Ostern ist Horst Schmechel plötzlich im Alter von 92 Jahren verstorben. Dr. Ingo Herminghaus, von dem die Fotos dieser Erinnerung stammen – schreibt dazu:

Am Osterwochenende erfuhr ich durch Klaus Neuvians vom Tode Horst Schmechels. 
Vor einem halben Jahr noch saßen wir zu Dritt zusammen auf seiner Terrasse und plauderten über Gestern und Heute und planten zusammen eine Fotoserie über ihn. 
Einige Wochen später fuhren meine Frau und ich an einem schönen Spätsommertag mit ihm zum Rombergpark und verbrachten einen herrlichen Vormittag, an dem wir zusammen lachten, Eis aßen, seinen Anekdoten lauschten und – wie wohl die meisten – seinem unwiderstehlichen einzigartigen Charme erlagen. An diesem Tage entstanden viele schöne Portraits, fröhlich lachende bis nachdenkliche, viele Facetten eines abwechselungsreichen Lebens widerspiegelnd.
Am meisten berührte mich damals ein Bild, auf dem nicht einmal sein Gesicht zu sehen war. Er stand dort allein auf einer Lichtung und sein Blick folgte einem durch das Licht gezeichneten Weg durch das Grün, gleichsam so, als wenn er fasziniert auf den langen Weg seines bisherigen Lebens schaut und auch auf das, was noch kommen mag.
Nun ist er ihn zu Ende gegangen, seinen langen Weg, aber immer er selbst und auf seinen eigenen Füßen.
Meine Kollegen und ich haben ihn sehr gemocht und danken ihm für die Momente, die wir mit ihm teilen durften. Er wird uns fehlen.

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Horst Schmechels Weg in Mengede begann 1971 und war eigentlich nur für drei Tage geplant. Er wurde von der Firmenleitung der Großbäckerei Paech in Berlin beauftragt, den Start für eine neue Produktionsstätte in Mengede an der Solmstraße zu organisieren. In Mengede angekommen, wollte er umgehend zurück und nicht mal diese eingeplanten drei Tage hier verbringen; es stank ihm überall zu sehr nach Benzol. Aus den geplanten 3 Tagen sind dann 45 Jahre geworden.

Zunächst übernahm er die Filiale in Mengede und hat sie insgesamt 10 Jahre geleitet. In den besten Jahren waren hier 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Ein Fuhrpark von 25 Lieferwagen war notwendig, um die Brote in die Verkaufsläden zu bringen, der weiteste davon war in Köln gelegen. Täglich wurden rd. 20.000 Brote gebacken – das war schon für damalige Verhältnisse „eine Hausnummer“.

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Im Jahr 1981 war es dann plötzlich mit dem Paech-Brot in Mengede zu Ende. Die Firmenleitung in Berlin beschloss die Nebenstelle Dortmund zu schließen. Jetzt war für Horst Schmechel abzuwägen: Gehe ich zurück in die Zentrale oder versuche ich hier in Mengede einen Neuanfang. Die Entscheidung war schnell getroffen. Er blieb praktisch „bei seinem Leisten“ und eröffnete in der Siegburgstraße eine Brot- und Kaffeestube. Im Nachhinein betrachtet erwies sich das als eine geniale Idee. Abgesehen davon, dass er gutes Schärpel-Brot verkaufte, die Schmechelsche Kaffee-Stube entwickelte sich bald zum Kommunikationszentrum schlechthin. Horst Schmechel konnte hier seine Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen, hatte auch mehr Zeit als vorher, also konnte er sich ausgiebig um lokal-politische Themen kümmern. Und davon gab es damals – wie heute auch – eine ganze Menge.

Als sich das Ende seiner beruflichen Tätigkeit abzeichnete – am 31.8. 1983 war auch bedingt durch gesundheitliche Probleme Schluss – hätte er sich ja auch auf sein Altenteil zurückziehen können. Aber nein, dem war  nicht so. Ende des Jahres 82 übernahm er den Vorsitz im Mengeder Gewerbeverein; 2. Vorsitzende wurde Karl-Heinz Dördelmann. Erklärtes Ziel der beiden war, Mengede als Nebenzentrum aufzuwerten und zu stärken.HS2015-11605356-4

Das war natürlich nur mit Unterstützung aller politischen Kräfte zu schaffen; umgekehrt wollte der Gewerbeverein „mitreden und gehört werden und nicht nur angehört werden“. Die Ideen des Führungsteams waren für die Mengeder Gewerbetreibenden überzeugend. Die Mitgliederzahl stieg von 50 auf 180. Aber wie das häufig im Leben so ist, wenn zwei Alpha-Tiere aufeinanderstoßen: Nach 6 Jahren war es vorbei. Schmechel erklärte im November 88 im Anschluss an eine Vorstandssitzung zur anstehenden Wiederwahl im folgenden Frühjahr nicht mehr antreten zu wollen. Es gab offenbar unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Gewerbevereins.
Das war vor 25 Jahren und dem Gewerbeverein hat das damals nicht gut getan.

Gleichwohl: Horst Schmechel war nach wie vor interessiert an der aktuellen Kommunalpolitik, auch wenn er sich aus Altersgründen dauerhaft nicht mehr engagieren wollte. Der Stadtbezirk war ihm ans Herz gewachsen, auch weil er mitgeholfen hatte, Bewegung in festgefahrene Gleise zu bringen. Kommunalpolitik nach seiner Überzeugung  nicht einfacher geworden, weil die Städte und Gemeinden immer weniger Geld für eine angemessene Daseinsvorsorge zur Verfügung haben. Aber es fehlte nach seiner Einschätzung auch die klare Handschrift in Mengede oder zumindest eine Vision über die künftige Entwicklung des Stadtbezirks.

Das Alter von 92 Jahren sah man Horst Schmechel nicht an. Immer war er gut gelaunt, trotz mancher altersgemäßer gesundheitlicher Beeinträchtigungen und seine sprichwörtliche „Berliner Schnauze“ war sein lebenslanges Markenzeichen. Er ging regelmäßig „in den Ort“ – wie er sagte – traf sich auf eine Tasse Kaffe mit alten Weggefährten und verbrachte in den letzten Jahren viel Zeit in seinem kleinen Garten. Hier hielt er sich auch durch die regelmäßige und gewissenhafte Gartenarbeit fit.

Sehr gerne besuchte er Schulklassen und stellte sich als Zeitzeuge zur Verfügung. Vor allem über die Zeiten in Berlin vor und während des zweiten Weltkrieges, über seine abenteuerliche Verschleppung in ein Lager nach Frankreich durch die Nazis, die Flucht aus diesem Lager zurück nach Berlin, die Inhaftierung in Berlin durch die „Rote Armee“ und die erneute Flucht aus dem Gefängnis konnte er authentisch berichten wie kaum einer.

 

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Wenn es denn nach dem Tod eine Existenz im Himmel oder in der Hölle geben sollte, für Horst Schmechel war das eine wie das andere denkbar. Das beunruhigte ihn aber nicht, denn er fürchtete weder Teufel noch Weihwasser. Und es mag ihm bewusst gewesen sein, dass ein Leben nach dem Tod im Himmel für Menschen wie ihn nur über einen einen Zwischenstopp in der Hölle erreichbar sein dürfte. Wenn es denn so kommen sollte,wir können sicher sein, dass er auch hier gleich versuchen wird, die Zügel in die Hand zu nehmen, um aus der Situation für sich und seine Mitbewohner das Beste zu machen.

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