Fremde Kletterkünstler: Schokoladenwein und Wildkiwi

Wenig bekannte Schlingpflanzen selbst für kleine Stadtgärten

Schlingt sich durch anderes Strauchwerk: der Schokoladenwein in Blüte.

Pflanzen mit Migrationshintergrund gibt es in Europa inzwischen jede Menge. Viele sind ganz legal eingewandert, importiert als Gartendeko oder Lieferant für Essbares. Einige sind illegal gekommen, haben ungehemmten Ausbreitungsdrang entwickelt, sind gar zum „Neophyten“ mutiert. Andere bleiben brav und integrieren sich. Zu den Letzteren gehören zwei sommergrüne Schlingpflanzen-Arten aus Ostasien, die nicht nur nett aussehen, sondern auch leckere Früchte liefern: Es sind wilde Kiwi und „Schokoladenwein“. In Bodelschwingh sind beide in einem Hausgarten zu finden.

Mengede-InTakt-Leser kennen den kleinen Garten schon, da sein lebendiger Inhalt Stoff für Erzählungen bietet. In einer der mächtigen Rosen, einer wahrhaft legendären Sorte, die ihre Berühmtheit einer „Fake Story“ verdankt (siehe unseren Bericht „Geschichten aus dem Rosendschungel“ vom 15. Juni 2016)), entdeckt man in diesen Tagen zarte Blütengirlanden in Lila und Weiß mit fingerförmigem Blattwerk. Die dunkelgrünen Blatthände graben sich kreuz und quer durchs Gesträuch und pfeifen aufs ordentliche Aussehen – eine Schlingpflanze, die sich sogar ineinander verknotet. Ob sie deswegen noch so unverdient selten zu finden ist, die Akebia quinata? So heißt der Schokoladenwein botanisch korrekt. Den deutschen Namen hat er, weil die im Frühjahr erscheinenden Blüten nach Kakao duften.

Blüten nach Geschlechtern getrennt und selten Früchte

Die selten erscheinenden, wie kleine Gurken aussehenden, süßlichen Früchte trugen ihm den zweiten deutschen Namen ein:“Blaugurkenwein“. Mit Gurken hat die Akebia gar nichts zu tun. Sie ist eine mehrjährige, verholzende Pflanze und schafft Höhen von acht (oder mehr) Metern. Wenn sie zu hoch geklettert ist, macht das nichts, weil sie Rückschnitt gut verträgt. Dass mit der Obstlieferung nicht unbedingt zu rechnen ist, kann verschiedene Gründe haben: 1. ist die Akebia zwar an geschützten, sonnigen bis halbschattigen Standorten, z. B. in einem Innenhof oder vor einer Mauer nach Süden oder Westen in Deutschland winterhart, aber zum Fruchtansatz braucht es einen warmen Sommer. 2. ist die Pflanze zwar „zwittrig einhäusig“, was bedeutet, dass es männliche und weibliche Blüten auf einer Pflanze gibt, aber das reicht nicht immer zur Bestäubung. Es gibt Fachgärtnereien, die dazu raten, eine zweite Pflanze in die Nähe zu setzen. Andere halten das nicht für nötig, empfehlen aber, eventuell mittels Pinsel selbst für die Bestäubung zu sorgen.

Die weiblichen Blüten, groß und bräunlich lila, erscheinen schon in den ersten Jahren nach der Pflanzung. Auf die direkt daneben wachsenden, kleineren weißlichen bis rosa männlichen Blüten muss man eventuell warten. In Bodelschwingh blüht das inzwischen zehnjährige Gewächs zwar regelmäßig, aber eine Frucht war bisher nicht zu ernten. Das war jedoch kein Wunder. Erst in diesem Frühjahr erschienen erstmals deutlich sichtbar zusätzlich die männlichen Partnerblüten. Jetzt darf auf Fruchtansatz gehofft werden. Ein Bestäubungsversuch mit Pinsel ist geplant.

In China isst man nicht nur das süße Fruchtinnere, sondern schmort auch die dicken, weichen Schalen, die im Reifestadium aufplatzen, als Gemüse und bereitet Tee aus den Blättern. Wegen ihrer zierlichen Blätter und Blüten ist Akebia quinata aber auch einfach schön anzusehen, egal, ob sie eine Pergola, Balkons oder einen Strauch umrankt.

Winterhart, toller Geschmack und robust – Obst an der Fassade

Einfache, grüne Blätter mit roten Stielen, ein wüchsiger Schlinger, der wenig bekannte, wohlschmeckende Früchte verspricht, hier vor blühender Zierquitte.

Die wilde Kiwi, Actinidia arguta, ebenfalls in weiten Teilen Ostasiens zu Hause, hat keinen spektakulären Blütenschmuck. Ihre einfachen, glattrandigen Blätter sind hellgrün und noch heller grün sind die unscheinbaren Blüten. Einen farblichen Kontrast bieten die leuchtend roten Stiele des Laubs. Allerdings braucht es bei der Gattung der Strahlengriffel, so ihr deutscher Name, in der Regel zwei Pflanzen, um die kleinen, sehr wohlschmeckenden Früchte zu bekommen, da jede nur entweder weibliche oder männliche Blüten hat. Lediglich die Sorte ‘Issai’ ist einhäusig zwittrig, bietet also die Möglichkeit der Bestäubung mit nur einer Pflanze.

Im Gegensatz zu den dicken „normalen“ Kiwis, die es im Supermarkt gibt, und die in Deutschland nicht überall winterhart sind, halten die kleinfrüchtigen Wildarten extrem tiefe Temperaturen bis zu – 30 Grad aus. Die im Handel erhältlichen Fruchtsorten wie die zweihäusige ‘Weiki’ oder die einhäusige ‘Issai’ versprechen eine reichliche Ernte. Die Frucht ist stachelbeergroß, die Schale zart und wird mitgegessen. Der Geschmack ist noch aromatischer als bei der großen Kiwi, die geschält werden muss.

Inzwischen werden gelegentlich im Herbst Früchte angeboten, allerdings bisher nur kleine Portionen und recht teuer. Da auch die Gattung der Strahlengriffel zu den Schlingpflanzen gehört; eignen sie sich ebenfalls für kleinere Stadtgärten. Sie verlangen einen sonnigen bis halbschattigen Platz und machen sich gut an Pergolen, Balkons oder – mit Drähten oder Gerüsten als Rankhilfe an Gebäudewänden bzw. Gartenmauern. Sie wachsen kräftig, vertragen aber selbst rigorosen Rückschnitt. Wenn man zwei Pflanzen für die Bestäubung braucht, so lässt sich die männliche Pflanze klein halten, als knapp meterhoher Strauch.

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