Was wir in diesen Tagen über Geschichte gelernt haben

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Auflösung der HiKO beim SPD Vorstand – Berlin ist nicht Weimar –
Namibia, kein abgeschlossenes Kapitel

SPD Vorsitzende Nahles will Historische Kommission beim SPD-Parteivorstand auflösenDie Historische Kommission beim SPD-Parteivorstand gibt es seit 1982 als geschichtspolitisches Gremium des SPD-Parteivorstandes. Eingerichtet wurde sie auf Anregung von Peter Glotz, dem damaligen Bundesgeschäftsführer der SPD. Im Oktober 1981 stimmte der Parteivorstand der SPD unter dem Vorsitzenden Willy Brandt zu.

Die Kommission versteht sich seit ihrer Gründung als „Ort für den Austausch zwischen Zeitgeschichts- und Sozialgeschichtsforschung und Politik“. Vorsitzender – seit 1989 – ist Prof. Dr. Bernd Faulenbach. Faulenbach ist entsetzt über das Vorhaben und wirft den Entscheidern im SPD-Vorstand, insbesondere Mitgliedern der jüngeren Generation, „eine gewisse Geschichtslosigkeit“ vor: „Die sind immer im Heute. Die haben kein Gestern, und deshalb leider auch kein Morgen. Und das führt zu einer Kurzatmigkeit der Politik, die dann auch bedeutet, dass man Geschichte geringschätzt – aber zum eigenen Schaden, zum Schaden der eigenen Durchsetzungsfähigkeit.“

Nahles will den Partei-Schatzmeister Dietmar Nietan damit beauftragen, sich um die Pflege des SPD-Geschichtsverständnisses zu kümmern, zusammen mit der parteinahen Friedrich-Ebert-Stiftung zu bemühen. Ob diese Entscheidung durchdacht ist, daran kann gezweifelt werden. Der Schatzmeister einer Partei gehört sicher zu den honorigen Personen, aber als Beauftragter für Geschichte? Eher eine gute Vorlage für jeden Cartoonisten.

Geschichte ist nicht nur Verstehen der Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch Entwicklung von Zukunftsperspektiven. Die stehen allerdings seit der Basta-Politik des Putin-Vertrauten Schröder nicht mehr auf der Agenda der SPD.
So könnte es dann demnächst wohl heißen: SPD – Vorwärts und nicht bald vergessen!

Berlin ist nicht Weimar
Mancher fragt sich in diesen Tagen: Ist Berlin doch schon Weimar? Zur Erinnerung: Der erste Reichspräsident Friedrich Ebert war In seinen letzten Amtsjahren wie viele andere führende Politiker seiner Zeit zahlreichen verleumderischen Hetzkampagnen der nationalen Rechten ausgesetzt. In über 170 Prozessen versuchte er seine persönliche Ehre und die Würde des Reichspräsidentenamtes gegen übelste Beleidigungen zu verteidigen. Etwas Resignation klang durch, als er meinte: Demokratie braucht Demokraten.

Daran denkt man gelegentlich auch in diesen Tagen. Teile der CSU haben versucht, die Kanzlerin Merkel zur Strecke zu bringen, die Frau, die erst hundert Tage vorher von ihnen im Amt bestätigt wurde. Respekt vor der Würde des Amtes einer Kanzlerin sieht anders aus. Das Verhalten speziell der konservativen Meinungsführer hat jedes Augenmaß verloren und hat durchaus Parallelen zur Weimarer Zeit. „Jetzt sehen Sie, wie die Jagd geht“, kommentierte die Vorsitzende der AfD genüsslich, denn die Jagd veranstaltet nicht die AfD.

Ein Rückblick in die nicht allzu ferne Geschichte zeigt, in welchem Ausmaß die bürgerlichen Sitten inzwischen verfallen sind.
Kurz vor seinem Tod bekam der frühere Kanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt Besuch von seinem Nachfolger Helmut Kohl. Obwohl Brandt schon todkrank war, erwartete er seinen Gast vollständig angezogen. Als Kohl ihn gerührt fragte, warum er denn aufgestanden sei, lautete Brandts Antwort: „Wenn mein Bundeskanzler kommt, bleibe ich nicht im Bett liegen.“

Namibia – kein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte
Namibia im Südwesten Afrikas ist ein begehrtes Reiseland. Vor allem viele deutsche Landsleute fühlen sich dort hingezogen.Namibia ist aufgrund des großen Flächenanteils der Namib-Wüste nur sehr dünn besiedelt. Das Land hat etwa 2,1 Millionen Einwohner. 18 Prozent der Bevölkerung leben unter der namibischen Armutsgrenze (Stand November 2016). Namibia hat eine stabile parlamentarische Demokratie.

Dem Land geht es wirtschaftlich einigermaßen – Tourismus ist ein starker Wirtschaftszweig, es gibt viel zu sehen und für deutsche Urlauber ist das Land vermutlich auch deswegen interessant,  weil es mal eine der wenigen deutschen Kolonien war. Das Gebiet des heutigen Namibia wurde im Jahre 1884 ein deutsches „Schutzgebiet“ und blieb bis zum Ende des Ersten Weltkrieges eine deutsche Kolonie mit dem Namen Deutsch-Südwestafrika.

Allerdings gibt es Ereignisse, die weder ein gutes Licht auf das damalige Kaiserreich werfen noch auf die heutige Bundesrepublik.

Vor 114 Jahren lehnte sich die Bevölkerungsgruppe der Herero in Namibia gegen die deutschen Kolonialherrschaft auf. Da die Schutztruppe der Kolonie dem nicht gewachsen war, entsandte die Reichsleitung daraufhin umgehend Verstärkung – insgesamt etwa 15.000 Mann. Unter dem Befehl von Generalleutnant Lothar von Trotha wurde der Aufstand der Herero bis zum August 1904 niedergeworfen.

Der größte Teil der Herero floh daraufhin in die fast wasserlose Omaheke-Wüste. Trotha ließ diese abriegeln und Flüchtlinge von den wenigen dort existenten Wasserstellen verjagen, so dass Tausende Herero mitsamt ihren Familien und Rinderherden verdursteten. Trotha ließ ihnen im sogenannten Vernichtungsbefehl mitteilen: „Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen. […] Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“

Die Kriegsführung Trothas zielte auf die vollständige Vernichtung der Herero ab. Historiker stufen den Vernichtungskrieg gegen die Herero heute mehrheitlich als Völkermord ein. Doch damit war die koloniale Vernichtungspolitik nicht beendet. Im Anschluss an die Kampfhandlungen wurden die Herero und Nama in Konzentrationslagern interniert, in denen annähernd jeder zweite Insasse starb. Von dem um 1904 auf rund 60.000 bis 80.000 Personen geschätzten Hererovolk lebten 1911 geschätzt nur noch 20.000 Personen. Der Völkermord in Deutsch-Südwestafrika hatte also 40.000 bis 60.000 Herero sowie etwa 10.000 Nama das Leben gekostet.

Erst am 9. Juli 2015 bezeichnete der Präsident des deutschen Bundestages, Norbert Lammert, die Kolonialverbrechen in einem Zeitungsbeitrag als Völkermord. Wer vom Genozid an den Armeniern 1915 im Osmanischen Reich spreche, der müsse auch die Verbrechen des deutschen Militärs gegen die einheimische Bevölkerung im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika so bezeichnen. Bei einem Besuch in Namibia Anfang Oktober 2015 bekräftigte Lammert diese Position, machte aber zugleich deutlich, dass dies keine offizielle Erklärung im Namen der deutschen Regierung sei. Hier bleibt noch einiges zu tun.

Dies alles sollte man sich in Erinnerung rufen, will man verstehen, dass es Menschen gibt, die der Meinung sind, der Kolonialismus sei noch längst nicht abgeschafft. Das bezieht sich nicht nur auf Namibia, sondern auf viele Staaten des globalen Südens.
Zur „Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort „ – um eine Formulierung zu verwenden, die der Politik derzeit leicht über die Zunge geht – gehörte beispielsweise, etwas gegen die ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zwischen Nord und Süd zu tun, es gehörte dazu die Beendigung der fortwährenden neokolonialen Ausbeutung der afrikanischen Staaten und nicht zuletzt wäre die Anerkennung der historischen Mitschuld westlicher Akteure erforderlich.
Eine formale Entschuldigung der europäischen Regierungen wäre ein logischer, aber überfälliger erster Schritt.

 

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