Besprechung des Bildbandes: „Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge“

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Eine erschütternde historische Dokumention des Berliner
Fotografen Michael Ruetz

„Niemand kommt zu Hilfe. Alle glotzen!“ Kürzer und treffender als Janine Meerapfel, Präsidentin der Akademie der Künste in Berlin, die das Vorwort zu dieser Dokumentation verfasst hat, kann man es nicht formulieren. Man mag es kaum glauben, welche Bild- und Textdokumente zu den organisierten Gewalt- und Schandtaten  der renommierte Fotograf Michael Ruetz zusammen mit Astrid Köppe ausgegraben und jetzt zum 80. Jahrestag des Pogroms herausgegeben hat.

Bereits der US-Historiker Raul Hilberg hat zwischen Tätern, Opfern und Zuschauern unterschieden. Ruetz zeigt in seinem Buch mit zahlreichen Fotografien, Berichten von Zeit- und Augenzeugen die Täter und besonders erschütternd: die angeblich unbeteiligten Zuschauer. All das wird ergänzt durch bissige persönliche Kommentare von M. Ruetz; als Leser ist man nach der Lektüre geneigt noch hinzuzufügen: „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.“

Doch zunächst ein Auszug aus den Verlagsmitteilungen:
Als am 9. November 2014 der 25. Jahrestag des Mauerfalls mit Reden, Feuerwerk und Musik am Brandenburger Tor gefeiert wurde, stand auch Michael Ruetz in der Menge. Fassungslos verfolgte er, wie kein Wort darüber fiel, dass der 9. November auch der Tag der Pogrome des Jahres 1938 ist – der “Reichskristallnacht”, wie die Nazis ihren Terror nannten. Dieses neuerliche Erlebnis deutscher Geschichtsverdrängung veranlasste ihn, auf die Suche nach Bilddokumenten und Augenzeugenberichten zum 9. November 1938 zu gehen.
Zusammen mit Astrid Köppe hat er mehr als tausend lokale, regionale und internationale Archive kontaktiert, um eine konkrete Vorstellung davon zu gewinnen, was an jenem Tag des Jahres 1938 geschehen ist: Was der ‘ganz normale’ Bürger getan, gebilligt und gesehen hat bzw. gewusst haben muss. 
Die Recherche förderte eine ungeahnte Fülle an Bildern und Zeitzeugenberichten zutage, die eine weitreichende Komplizenschaft von Tätern und Mitläufern zeigen: hier die Zerstörungswut und triumphierende Häme des entfesselten Mob, dort die feige Neugier der Zuschauer mit den Händen in den Taschen. Die Fotos aus ganz Deutschland dokumentieren, wie leicht auch und gerade in der ‘Provinz’, wo jeder jeden kannte, die Gewaltbereitschaft zu entfesseln war – und wie wenig Mut und Zivilcourage sich dagegen erhob.“

Schon das Titelfoto zeigt die riesigen Rauchwolken der brennenden Synagoge in Siegen, aber nicht nur das brennende Gebäude, sondern auch eine Reihe interessierter Zuschauer. Im Innern des Buches (S. 148 – 151) gibt es eine Fotoserie zu diesem Ereignis im Großformat – man sieht sie noch besser, die drängenden aber tatenlosen Zuschauer, unter ihnen zwei Köche.

An anderer Stelle werden Menschen mit dem Schild “Ich bin ein Rasseschänder” durch die Straße getrieben ( S.17) oder mit dem Schild „Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen“ (S. 18/19). Aus Baden-Baden wird eine Gruppe von Männern mit einem überdimensionierten Davidstern durch die Straße getrieben, da stehen Menschen in dieser feinen Stadt am Eingang zur Synagoge Spalier; das Betreten des Gotteshauses wird zu einem Spießrutenlauf (S. 24/26).
Oder es gibt ein Foto aus Frankenberg/Nordhessen, auf dem sich knapp 25 Schüler im Alter von etwa 12- 14 Jahren vor und auf einem zerstörten Auto des Lehrers Stern abbilden lassen. (S. 40/41); ein anderes, auf dem drei jüdischen Frauen abgebildet sind, denen werden zur Belustigung der Bevölkerung die Haare abgeschnitten – eine andere Frau wird mit dem Schild abgebildet: „Ich bin ein Christenschwein und kaufe bei Juden ein“ (S.86/87). Niemand protestiert – alle scheinen fröhlich und guter Dinge zu sein.

Eine Reihe der zeithistorischen Dokumente hat der Fotograf mit einem sarkastischen Kommentar versehen. wie z. B die S. 54/55:„Sachkundige, ordnungsgemäße Vernichtung eines Gotteshauses. Man geht gründlich und mit Sorgfalt vor. Hernach posiert man mit dem Werkzeug, Spitzhacken und Vorschlaghämmern.“
Zu den meisten Fotos gibt es Kommentare von Zeit- bzw. Augenzeugen, auch Briefe wie den eines SA-Mannes vom 12.11.1938:
“Die letzte Woche war aufregend. Ich danke allen Himmeln, nicht als Jude geboren zu sein.
(…)
Am andern Tag konnte ich die Wirkung der Handlungen der Erwachsenen auf die Kinder beobachten. Ein Menge von 50 standen vor einem jüdischen Wohnhaus am Wall und bombardierten ein Gartenhäuschen mit Steinen. Das Unheimliche an der ganzen Sache war, dass es schweigend geschah. Man hörte nur das Klirren der Scheiben und das dumpfe Poltern der Steine auf den Dachziegeln, keiner sagte ein Wort, lachte oder schrie, wie es sonst Kinder Art ist.“ (S. 75)
Oder die Erinnerung eines Augenzeugen:
“Am 10. November haben die Nazis unsere Wohnung in der Elisabethstraße 44 zerstört. Mein alte Großmutter, die dort mit uns wohnte, wurde von ihnen gefragt, wer der Offizier auf dem Bild in der Wohnung wäre. Als sie Ihnen antwortete: „ Es war mein Sohn, der als Freiwilliger im Weltkrieg gefallen war“, nahm ein Nazi das Bild von der Wand und zertrümmerte es, indem er es ihr über den Kopf schlug. (S. 138).
Was nicht in den Fotos festgehalten werden konnte, ist die Gewalttätigkeit, die den Verhafteten angetan wurde. Doch die Texte führen dies teilweise drastisch vor Augen.

80 Jahre sind vergangen. Nach der Lektüre dieser Dokumentation wird sich mancher fragen: Wäre so eine Nacht der Zerstörung heute wieder möglich? Würden deutsche Bürger wie 1938 jüdische Frauen und Männer allein wegen ihres Glaubens schlagen und schikanieren? Würden andere wieder tatenlos zuschauen?

Mit einer Portion Optimismus ist man geneigt zu sagen: Nein, das wird nicht mehr passieren! Nie wieder!

Zusätzliche Infos:
Michael Ruetz, geb. 1940, studierte zunächst Sinologie, ehe er zur Fotografie wechselte. Er legte bei Otto Steinert an der Folkwang-Hochschule in Essen das Examen ab, war danach Mitglied der STERN-Redaktion, Vertragsautor der New York Graphic Society in Boston und Professor für Kommunikationsdesign. Er erhielt zahlreiche Preise. Er ist u.a. Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Berühmt wurde Ruetz mit seinen Fotos der 1968er- Jahre, von denen viele heute als Ikonen der Zeit- und Fotogeschichte gelten. Darüber hinaus hat Ruetz mehr als 40 Bücher veröffentlicht.

Michael Ruetz, Astrid Köppe, Christoph Stölzl: „Pogrom 1938. Das Gesicht in der Menge“. Nimbus Verlag, Wädenswil 2018, 156 S., 29,80 €

 

 

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