Buchempfehlung (1) – Von Gabriele Goßmann

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Vorbemerkungen:

Gabriele Goßmann; Foto: Ramona – Studioline Photography

Gabriele Goßmann ist nicht nur den LeserInnen von MENGEDE:InTakt! bekannt, denn bis zum Ende letzten Jahres gehörte sie auch zum Team der „Buchhandlung am Amtshaus“ und absolvierte dort eine Ausbildung als Buchhändlerin. Vorher hat sie studiert und das Studium mit einem Masterabschluss in Germanistik und Geschichte erfolgreich beendet.
Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin hat sie zunächst mal eine Ruhepause eingelegt, um dabei zu überlegen, wie es in Zukunft weiter gehen wird.  Diese Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen; sie weiß jedoch, dass sie weiter in der Buchbranche arbeiten möchte. In der Zwischenzeit hat sie ihre Webseite fertiggestellt (www.auslesbar.de), mit der sie vor allem Literaturempfehlungen  publizieren möchte.
Und schließlich hofft sie auch, ihren ersten Roman bald fertigstellen und veröffentlichen zu können, an dem sie seit etwa drei Jahren arbeitet.

Heute beginnen wir mit einer Reihe, in der sie Bücher bespricht und zur Lektüre empfiehlt. 

Jardine Libaire:    Uns gehört die Nacht

Mood               Crazy  Explosiv Poetisch

Content
Elise Perez ist Anfang 20, halb Amerikanerin, halb Puerto-Ricanerin, und hat gerade ihr Zuhause verlassen, einen Sozialwohnungskomplex in der South Bronx, wo sie ohne Vater, dafür aber mit der »Mae West des Ghettos« aufwuchs. In New Haven strandet sie schließlich bei Robbie; sie werden beste Freunde, Elise beginnt in einer Zoohandlung zu arbeiten. Eines Tages lernt sie ihre Nachbarn Jamey und Matt kennen, zwei superreiche Kids, die in Yale studieren. Trotz der eklatanten Unterschiede in gesellschaftlichem Status, Bildung und Lebensart beginnen Elise und Jamey eine obsessive Affäre. Jamey Balthazar Hyde, der überirdisch attraktive und vom Glück und Erfolg verwöhnte Junge, Erbe des gigantischen Vermögens der familieneigenen Investmentbank in dritter Generation – Elise verführt ihn ohne viel Federlesens zu einer wilden Affäre. Doch aus Sex wird Neugier, aus Neugier Interesse und aus Interesse eine alles verändernde Liebe. Was als Kitzel und aufregendes Spielchen beginnt, bedeutet für Jamey schnell die soziale und familiäre Ächtung. Wie lange wird, wie lange kann unter diesen Umständen eine junge Liebe halten – und was wird aus denen, die so vollkommen rückhaltlos lieben? (Klappentext)

Preview
Als Elise Perez an einem trostlosen Winternachmittag in New Haven den Yale-Studenten Jamey Hyde kennenlernt, ahnt keiner, dass hier und jetzt ihrer beider Schicksal besiegelt wird. Was als obsessive Affäre beginnt, wird zu einer alles verändernden Liebe. Doch Elise ist halb Puerto-Ricanerin, ohne Vater und Schulabschluss aufgewachsen, und Jamey der Erbe einer sagenhaft reichen Familie von Investmentbankern. Wie weit sind sie bereit zu gehen? (Klappentext)

Review
Romeo und Julia. Pyramus und Thisbe. Fifty Shades of Grey. Das sind die Titel, die einem womöglich als Erstes beim Lesen dieses Buches in den Sinn kommen. Doch auch wenn Jardine Libaire in ihrer Liebesgeschichte bekannte Handlungsmuster aus der Weltliteratur verwendet, lässt die Geschichte sich nicht 1:1 wie eine Schablone auf diese übertragen, sondern geht darüber hinaus. Das Buch hat einen besonderen Reiz und entwickelt eine eigene Dynamik, vor allem durch den Mix zweier völlig konträrer Sprachstile. 

Die Beschreibung der sich anbahnenden Beziehung von Elise und Jamey findet auf zwei Ebenen statt, einmal auf der Ebene der Körperlichkeit durch den Einsatz sprachlicher Grobheit und auf der Gefühlsebene mittels poetischer Feinfühligkeit. Die sprachliche Ambivalenz spiegelt sowohl die Situation der beiden aus völlig unterschiedlichen Welten stammenden Protagonisten als auch das Innenleben der beiden wider. Man kann hierbei von einem regelrechten „Culture Clash“ sprechen.

Die gezielt eingesetzte Sprache ist einerseits sehr bildlich, blumig und poetisch, denn es gibt viele Vergleiche, die meist sehr passend gewählt wurden, manchmal aber auch etwas „over the top“ sind à la „Am Maschendrahtzaun hängt Müll wie Spinat in den Zähnen“ (S. 351). Daher artet der Sprachstil beinahe in Kitsch aus, aber eben nur fast, so wie auch Elise ein bisschen Kitsch in Jameys Leben bringt. Andererseits kommt auch immer wieder eine dunkle, derbe Seite der Sprache und der menschlichen Psyche zum Ausdruck. 

Die Obszönitäten kommen ganz unerwartet und wirken an einigen Stellen abschreckend, wohin im nächsten Augenblick wieder Poesie schillernden Ausmaßes folgt. Manchmal hat man beim Lesen das Bedürfnis, das Buch zuzuklappen, um nach Luft zu schnappen, doch danach will man auch direkt wissen, wie es weitergeht. Durch den ständigen Wechsel der Perspektiven schafft es die Autorin trotzdem, im gesamten Buch die Balance zwischen den Extremen zu halten.

Die beiden aufeinanderprallenden Welten werden im gesamten Verlauf der Handlung glaubwürdig beschrieben. Elises Kindheit in der Bronx ist geprägt von Gewalt, Drogenmissbrauch, Verwahrlosung und Aussichtslosigkeit, so dass sie als einzige Möglichkeit die Flucht von dort sah. Jamey hingegen mangelte es nie an Geld, dafür aber musste er sich den Erwartungen seiner Familie beugen. Er hat eine andere Art von Gewalt erfahren – eine Gewalt, die an die psychische Substanz ging, was sich in der Gegenwart als Depressionen fortsetzt. Die beiden fremden Welten nähern sich immer mehr an, bis sie zu einer Symbiose werden.

Auch die bunte Welt der 80er ist für den Leser zum Greifen nah. Er kann die 80ies-Vibes insbesondere an Details spüren wie z.B. der Tatsache, dass Ohrringe in dieser Zeit angeclippt anstatt angesteckt wurden.

Elises und Jameys Liebe, die anfangs in erster Linie aus Leidenschaft besteht, wird mit einer solchen Inbrunst gelebt, wie es selten beschrieben wird. Während Elise Jamey schon von Anfang an liebt, will dieser sich seine Gefühle zunächst nicht eingestehen. Wie sich seine Sichtweise auf Elise ändert, wird von Jardine Libaire grandios dargestellt. Zunächst findet er sie geschmacklos, billig, kitschig: 

„Sie wirkt verstockt, ohne jeden Charme. Nichts an ihr hat Stil. Sie beherrscht keine elegante Geste, keine Tricks – nur dieses dumpfe, schlichte Starren, wenn sie ihm zuhört. Ihre Sprache ist nackt, wenn sie antwortet, ausgebeult und rau[h] von ihrem Akzent. Sie redet, wie sie redet. Ihre Stimme ist nicht besonders tief, aber irgendwie maskulin. Ihr Make-up erinnert an Kleopatra.“ (S. 41)

Doch schon bald empfindet er all diese Eigenschaften perfekt an ihr. Ein anderes Beispiel: Ihr rotes Negligé, das er zuerst abstoßend findet, sieht er kurz darauf als ästhetisch an.

So wie sich seine Sichtweise auf Elise zum Positiven verändert, ändert sich sein Blick auf seine Familie zum Negativen. Er distanziert sich nach und nach von dieser und verzichtet letztlich sogar auf sein Erbe, um mit seiner Partnerin, die schon bald seine Frau ist, frei sein zu können. 

Die ungeplante Schwangerschaft Elises wird zunächst von beiden gutgeheißen, bis die ersten Zweifel und Ängste aufkommen. Mit der Situation überfordert, gerät Jamey, als er von Matt und Valentina – die Personifikationen seines damaligen Lebens in der High Society – unter Drogen gesetzt wurde, in einen psychotischen Zustand, weil ihn seine Vergangenheit nicht loslässt.

Der Anfang vom Ende steht bereits am Anfang der Geschichte, wodurch der Spannungsbogen entsteht, doch es geht glimpflicher aus als vermutet, wenn auch etwas skurril. Das Ende lässt allerdings Raum für zwei ganz verschiedene Interpretationsansätze: Auf der einen Seite kann man das Ende als Happy End verstehen, in dem sich Elise und Jamey aus den gesellschaftlichen Konventionen befreien konnten. Was jedoch stutzig macht, ist der letzte Satz: Sie hätte schon immer gewusst, sie würde die „Früchte“ (S. 456) nicht behalten. Was ist damit gemeint? Das Geld aus Jameys Familie? Die Annehmlichkeiten durch die Ehe mit ihm? Die Gefühle zu ihm? Oder die „Früchte“ in ihrem Bauch, das ungeborene Kind? So gesehen ist das Ende ohnehin nicht ganz so positiv, wie es auf den ersten Blick scheint. Jamey litt kurz zuvor noch höchst wahrscheinlich an einer durch Drogen ausgelösten Form von Schizophrenie, die er angeblich dadurch, dass Elise auf ihn geschossen hat, überwunden haben soll. Außerdem ist es für sie nicht möglich, aufgrund von Jameys Zerwürfnis mit seiner Familie in ihrem Heimatland glücklich zu werden, sondern im fremden Indien. Elise ist nicht nur vor ihrer eigenen Familie geflohen, sondern nun ein zweites Mal vor den Machenschaften der Hydes. Sie haben ihnen auf ihrem Terrain keinen Raum für ihre Liebe gelassen.

Best Quote
„Am Ende breiten sie die Fotos auf dem Boden aus: verschwommene, zwielichtige Gedichte von Körpern, ein lyrisches Dokument ihrer Liebe.“ (S. 187)

Learning
Die Geschichte demonstriert, dass es weder immer einfach ist, in reichen Verhältnissen noch in armen aufzuwachsen und man keine der beiden Seiten verurteilen sollte. Darüber hinaus zeigt die Autorin Folgendes: Wenn man versucht, Gegensätze zu vereinen, können – auch wenn offen bleibt, ob sie von Dauer sein können – Synergien daraus geschaffen werden.

PB Diogenes  Erschienen als deutsche Ausgabe: 1. August 2018; ISBN: 978-3-257-30072-7; 464 Seiten

 

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