Buchempfehlung: Was heißt hier „wir“?

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Heinrich Detering* :

Was heißt hier „wir“? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten

Im Klappentext zur 4. Auflage des in diesem Jahr erschienen  60 Seiten schmalen Reclam Bandes heißt es:

Rechte Politiker sprechen von “Entsorgung”, von “Umvolkung”, von “Kopftuchmädchen und Messermännern”. Davon, dass die Hitlerzeit ein “Vogelschiss” gewesen sei. Und vor allem nehmen sie für sich in Anspruch, für “uns” und “unser Deutschland” zu sprechen. Doch was für ein “Wir” setzen sie da überhaupt voraus?
Der Literaturwissenschaftler und Leibniz-Preisträger Heinrich Detering wirft einen unaufgeregten wie scharfen Blick auf die Rhetorik der parlamentarischen Rechten – und zeigt, wie ihr Anspruch, für “das Volk” zu sprechen, in totalitäre Ermächtigungsvorstellungen, Rache- und Vernichtungsphantasien führt. Er legt offen, wie diese Sprache der Gewalt sich selbst verharmlosend verkleidet. Und er macht vor, wie sich solche rhetorischen Strategien durchschauen lassen.

In sieben kurzen Kapiteln, die er mit zahlreichen Zitaten, O-Tönen, Zuhörerreaktionen  belegt, geht Detering zum Beispiel auf Reizwörter wie „Vogelschiss“, „Entsorgung“ und „Messermännern“ ein. Durch seine Ausführungen wird klar, dass diese Begriffe nicht versehentlich, sondern bewusst und mit vollem Risiko menschenverachtend eingesetzt werden und dass es sich nicht um verbalen Entgleisungen handelt. 

(Übrigens sind auch die verbalen Auslassungen des Aufsichtsratsvorsitzenden  von Schalke 04 – Tönnies – auf dem diesjährigen Tag des Handwerks als das zu sehen, als was sie gemeint waren: Eine bewußte Grenzüberschreitung.)er

Ein Thema der Rechten lautet: „Unsere Sprache, unsere Kultur.“ Darüber  und  was die „Identität“ einer  nationalen Kultur eigentlich ausmacht, denkt auch Detering nach. Offenbar, weil das für ihn ein aussichtsloses Unterfangen ist, zitiert er Jakob Grimm, der auf dem ersten Germanistentag 1846 in Frankfurt gesagt hat: „Ein  Volk ist der Inbegriff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden.“ (S.40 ff.)

Eben diesen alten Gedanken hat die SPD-Politikerin und damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Aydan Özoguz aufgegriffen, als sie am 14. 5. 2017 in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ schrieb: „Deutschland ist vielfältig und das ist manchen zu kompliziert. Im Wechsel der Jahreszeiten wird deshalb eine Leitkultur eingefordert, die für Ordnung und Orientierung sorgen soll. Sobald diese Leitkultur aber inhaltlich gefüllt ist, gleitet die Debatte ins Lächerliche und Absurde. Die Vorschläge verkommen zum Klischee des Deutschseins.“

Daraufhin hat Alexander Gauland vor AFD-Anhängern im Eichsfeld über Frau Özoguz, die aus einer türkischen Familie stammt, aber eine deutsche Staatsbürgerin ist, gesagt: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein, und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“

Nach  Deterings Auffassung sollte nicht nur das Wort „entsorgen“ aufhorchen lassen, sondern auch andere Aspekte: „Warum wird sie nie wieder herkommen, wenn ihr gesagt wird, was „spezifisch deutsche Kultur“ ist. Welches Spezifikum deutscher Kultur sollte ihr vermittelt werden und welcher Art könnte das sein, wenn sie anschließend entsorgt werden müsste.“

Detering kommt zu dem eindeutigen  Ergebnis: „Nein, Gaulands Sprache ist auch hier wahrhaftig nicht die Sprache Goethes und Fontanes. Sie ist bloß der schlecht verkleidet Jargon von Gangstern.“

Bedrückend auch die Nachbemerkung am Ende des kleinen Bandes, in der es aufschlussreiche Reaktionen auf die zuvor schon in unterschiedlichen Foren veröffentlichten Buchkapitel zu lesen gibt.

»Auf meine Rede habe ich Antworten erhalten, die in einer bizarren Weise bestätigen, was ich kritisiert habe. Auf den Vorwurf, sich der Sprache von Gangstern zu bedienen, antworten mir diejenigen, die sich angegriffen fühlen, mit der Androhung von Gewalt; auf den Vorwurf der Vulgarisierung und Verrohung antworten sie roh und vulgär; auf den Vorwurf eines Missbrauchs der deutschen Sprache antworten sie in einem Deutsch, das vom Gebrauch dieser Sprache nichts weiß.«

Deterings Schrift kommt zum rechten Zeitpunkt. Seine Ausführungen richten sich gegen Personen, die sich als „kleiner Mann der eingebildeten urdeutschen Wir-Gemeinschaft“ fühlen und mit „Volkes Stimme“ zu sprechen behaupten.
„Denjenigen, die Taten statt Worte fordern – ist eh nicht mehr zu helfen. Kulturen sind mehrstimmig, bunt und kompliziert, so auch die deutsche, daran werden AfD und Pegida nichts ändern. Ihr viel beschworenes „Wir“ aber, das nur sich selbst und ihresgleichen als vermeintlich ‚echte‘ Deutsche adressiert und unser Land ausschließlich für sich fordert, ist laut und aggressiv“ , schreibt Jörn Münkner im Rezensionsforum literaturkritik.de; Ausgabe Nr. 7 vom Juli 2019 über Deterings kleinen Band.

Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.

*Heinrich Detering, geb. 1959 ist seit 2005 Professor in Göttingen und lehrt dort Neuere deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft. Er veröffentlichte Bände mit eigenen Gedichten und Bücher über Goethe, Nietzsche, Thomas Mann, Bob Dylan, Wilhelm Raabe, Theodor Storm, übersetzte Bob Dylan und Hans Christian Andersen.
Sein Reclam-Band „Was heißt hier ‚wir‘?“ geht auf einen Text zurück, den er auf Einladung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken verfasste. Er wurde erstmals – in einer erheblich gekürzten Version – am 23. 11. 2018 auf der Plenarversammlung des Zentralrates der deutschen Katholiken in Bonn vorgetragen und danach als Ton- und Lesedokument auf der Webseite des ZdK veröffentlicht.
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