Ratssitzung des Lippeverbandes: Widerstandsfähige Wasserwirtschaft vom Deichneubau über die Bachrenaturierung bis zur erweiterten Abwasserreinigung
„Vor dem Hintergrund zunehmender Extremwetterereignisse gewinnt der Hochwasserschutz immer mehr an Bedeutung. Projekte wie das Deichneubauprojekt in Haltern-Lippramsdorf und Marl sind daher für den Hochwasser- und Naturschutz gleichermaßen wichtig. Die Verbesserung der Hochwassersicherheit an der Lippe und die Renaturierung des Flusses gehen dabei Hand in Hand miteinander“, sagt Michael Kalthoff, stellvertretender Ratsvorsitzender des Lippeverbandes und Vorstandsvorsitzender der RAG Aktiengesellschaft.
Der Verbandsrat des Lippeverbandes ist das Aufsichtsgremium des Wasserwirtschaftsverbandes und wird alle fünf Jahre von den Mitgliedern demokratisch gewählt. Er setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Mitgliedskommunen sowie weiterer institutioneller Mitglieder zusammen.
Mehr Raum für die Lippe – Hochwasserschutzprojekt HaLiMa
Der Neubau der Lippe-Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl (HaLiMa) ist die aktuell größte Baumaßnahme des Lippeverbandes und ein zentrales Projekt im Bereich Hochwasserschutz. Der Lippeverband setzt es im Rahmen des Programms „Lebendige Lippe“ im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen um. Ziel des Großprojektes ist es, der Lippe durch die Rückverlegung der Deiche ins Hinterland deutlich mehr Raum zu geben und so den Hochwasserschutz nachhaltig zu stärken. Seit dem Baustart vor etwas mehr als zehn Jahren ist viel passiert: Die Deiche der Nordaue wurden bereits Ende 2025 auf einer Länge von 3,7 Kilometern fertiggestellt. Darüber hinaus hat der Lippeverband in diesem Bereich eine 42 Hektar große Aue angelegt und die neuen Deichwege für die Öffentlichkeit freigegeben.
Derweil ist die Südaue als letzter Bauabschnitt in Arbeit. Auf einer Länge von rund 500 Metern baut der Wasserwirtschaftsverband auch hier einen neuen Deichkörper sowie eine weitere Auenfläche, die mit 18 Hektar etwa 25 Fußballfeldern entspricht. Im Rahmen der Maßnahmen entstehen rund drei Millionen Kubikmeter zusätzliches Retentionsvolumen, das künftig im Hochwasserfall zusätzliche Wassermengen aufnehmen und zurückhalten kann und so zur Entlastung der Lippe beiträgt. Aus biologischer Perspektive soll der neue Lebensraum darüber hinaus zahlreiche Tier- und Pflanzenarten beherbergen, indem die Aue naturnah gestaltet wird. Der erste Bauabschnitt einschließlich des sogenannten Lippe-Balkons – einem Aussichtspunkt über die neue Auenlandschaft – soll bis Herbst 2026 abgeschlossen werden. Die Fertigstellung der Südaue ist für Ende 2027 geplant.
Finanziert wird das Projekt vom Land Nordrhein-Westfalen und der RAG Aktiengesellschaft: Zusammen stemmen sie die Baukosten von 95 Millionen Euro im Verhältnis zwei Drittel (RAG) zu einem Drittel (Land NRW). Die Aufteilung orientiert sich an den Anteilen für bergbaubedingten Hochwasserschutz sowie für die ökologische Verbesserung der Lippe.
Ökologische Entwicklung und Hochwasserschutz am Dattelner Mühlenbach
Vom offenen Schmutzwasserlauf zum naturnahen Bach: Auch am Dattelner Mühlenbach verbindet der Lippeverband Hochwasserschutz mit ökologischer Gewässerentwicklung und neuer Aufenthaltsqualität. Nachdem das Gewässer bereits im Jahr 2019 die Abwasserfreiheit erlangte, startete der Wasserwirtschaftsverband wenige Jahre später mit der Revitalisierung des Bachs: Betonsohlschalen werden entfernt, ein naturnahes Flussbett angelegt und dem Gewässerverlauf nach Möglichkeit mehr Platz geschaffen. So können sich Flora und Fauna wieder ansiedeln, während der Bach im Hochwasserfall über genügend Platz verfügt, um sich auszubreiten. Von insgesamt zehn Bauabschnitten sind bereits drei abgeschlossen. Aktuell laufen die Arbeiten am vierten Bauabschnitt nahe der Hagemer Binsenweide, dessen Fertigstellung für Herbst 2026 vorgesehen ist. Die Gesamtmaßnahme ist bis 2031 angelegt.
Ein besonderer Baustein der Bach-Umgestaltung ist das „Blaue Klassenzimmer“, welches das Gewässer zugänglich macht und praxisorientierte Umweltbildung ermöglicht. Am aktuellen Bauabschnitt (Hagemer Binsenweide) entsteht so in den kommenden Monaten ein Lern- und Begegnungsort unter freiem Himmel, der Kinder, Jugendliche und Erwachsene für Umwelt- und Naturschutz begeistern wird. Der symbolische Spatenstich erfolgte am 15. April.
Moderne Abwasserbehandlung: Ausbau der vierten Reinigungsstufe
Ein weiterer Schwerpunkt der Ratssitzung war der Ausbau der vierten Reinigungsstufe zur weiteren Verbesserung der Gewässerqualität im Verbandsgebiet. Das Ziel ist insbesondere die gezielte Entfernung von Mikroschadstoffen aus dem Abwasser, bevor es geklärt in die Gewässer eingeleitet wird. Die drei regulären Reinigungsstufen können viele Spurenstoffe, darunter beispielsweise Rückstände von Arzneimitteln, nicht ausreichend eliminieren, wodurch Gewässersysteme sowie langfristig auch die menschliche und aquatische Gesundheit gefährdet werden. Mit Verfahren wie der Aktivkohlefiltration oder der Ozonung reduziert die vierte Reinigungsstufe diese Spurenstoffe.
Die Grundlage für diesen Projektschwerpunkt bildet die Kommunalabwasserrichtlinie (KARL), die den Ausbau entsprechender Technologien europaweit vorantreibt. So sollen Gewässer zukünftig noch besser vor Verschmutzung durch Abwasser geschützt werden. Der Lippeverband plant derzeit die Aufrüstung an fünf Anlagen im Verbandsgebiet.
Auch die Kläranlage Hamm-West wird künftig mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet – hier kommen die Verfahren der Ozonung und des Sandfilters zum Einsatz. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert diese Maßnahme sowie weitere Arbeiten zur Optimierung der Kläranlage mit 17,8 Millionen Euro, was bei Gesamtkosten von rund 50 Millionen Euro einer Förderquote von 36 Prozent entspricht. Den Zuwendungsbescheid überreichte Umweltminister Oliver Krischer bereits an den Lippeverband. Aktuell befindet sich das Projekt im Vergabeverfahren, der Baustart ist für Ende 2026/Anfang 2027 vorgesehen.
100 Jahre Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde seinerzeit Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum unterhalb Lippborg bis zum Rhein bei Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.
