Eine Hommage an das Musikinstrument des Jahres 2026

Heider Spielgruppe begeisterte mit „Akkordeon-Facetten“

Von Diethelm Textoris

„Standing Ovations“ beim Zwischenapplaus und zum Schluss.

Man nennt es scherzhaft Zerrwanst, Heimatluftkompressor, Maurerklavier, Squeeze Box, Schweineorgel und Wanznpress, oder ein wenig respektvoller Schifferklavier, Bajan und Ziehharmonika. Gemeint ist das Akkordeon. Aktuell ist es das Instrument des Jahres 2026. Das nahm das im Stadtbezirk beheimatete und im Jahre 1978 gegründete Akkordeonorchester „Heider Spielgruppe“ zum Anlass, die Vielseitigkeit dieses „Chamäleons“ unter den Musikinstrumenten vorzuführen. So hieß das Konzert im Pädagogischen Zentrum des Heinrich-Heine-Gymnasiums am Sonntagnachmittag (20.9.) auch bezeichnenderweise „Akkordeon-Facetten“.

„Seemann lass das Träumen“, Dirigent Poppe als „Shantyman“.

Wobei Orchesterleiter Karl-Heinz Poppe nicht nur die Rolle des Dirigenten, sondern auch die des Moderators didaktisch versierten Musikdozenten im Fach Instrumentenkunde einnahm. Mit einer Überraschung für alle.

Als schwungvoller programmatischer Auftakt stand am Anfang „Viva la Vida“, „Es lebe das Leben“ von Coldplay. Ein Lied, das gleichzeitig eine Brücke zur Malerei baute, denn dieses Motto ist auch der Titel des letzten Gemäldes der berühmten mexikanischen Malerin Frida Kahlo, der leidenschaftlichen Kämpferin gegen Unterdrückung und Armut. 

Das nächste Medley führte das Publikum nach Frankreich, wo das Akkordeon auch heute noch ein beliebtes Instrument nicht nur für die Musette Walzer ist. Mit „Tour de Chansons“ erinnerten die Akkordeonisten an berühmte Lieder von Mireille Mathieu, dem „Spatz von Avignon“. Mit einem ständigen Rhythmuswechsel vom Walzer über den Marsch bis zum Tango erklangen ihre berühmten Hits. Im nächsten Beitrag trat das Orchester in den Hintergrund und überließ Bianca Timmermann mit dem Keyboard den Solo Part. Die machte die Illusion perfekt. Denn, wenn man die Augen schloss, konnte man wirklich annehmen, der „einsame Hirte“ von James Last sitzt irgendwo hinter dem Vorhang und spielt gedankenverloren auf seiner Panflöte. Es folgte das Trompetenecho, das Lied, das einst Slavko Avsenik als Markenzeichen für sein berühmtes Oberkrainer Quintett komponiert hat. Mit „Herr Tubist“ zeigte Thomas Timmermann, dass auch ein Bass-Solo hörenswert ist. Wobei man als Zuhörender das Gefühl hatte, immer tiefer in einen dunklen Keller zu steigen. Mit dem letzten Medley vor der Pause gab es dann eine Ode an Frankie-Boy mit seinen heute noch populären Songs, wie das von Bert Kämpfert geschriebene Lied „Strangers in the night“ und der von John Kander Hymne an „New York“, die zuvor schon Liza Minelli gesungen hatte.

Karl-Heinz Poppe (r) Dozent im Fach Instrumenenkundeerklärt des Aufbau des Akkordeons.

Nach der Pause erfolgte in einem Potpourri ein Rückblick auf die vorderen Plätze des „European Song Contests“ vergangener Jahre, auf die Zeit, als der Wettbewerb noch viel wohlklingender „Grand Prix d’Eurovision de la Chanson“ hieß. Mit dem Libertango von Astor Piazolla ging es nach Argentinien, wobei dieses unter die Haut gehende Stück typisch für den „Tango Nuevo“ ist, für den aus starren Fesseln der Tradition befreiten „Neuen Tango“. Danach kam das Akkordeon voll in seiner Funktion als Schifferklavier zum Einsatz. Das Orchester lud mit „Biscaya“ von James Last und „Seemann, lass das Träumen“ von Lolita und Freddy Quinn zu einem Ritt auf der maritimen Welle ein. Bei letzteren sang das Publikum, animiert durch „Shantyman“ Poppe, textsicher und lautstark mit. Dann überraschte der Orchesterleiter das Publikum und sicherlich auch einige Orchestermitglieder mit einem Solo. Unter dem Motto „Kannst du das auch spielen“ bewies er, dass er nicht nur die Einsätze der Akkordeonspieler punktgenau dirigieren kann. Er zeigte, dass er nach wie vor auch ein hervorragender Solist ist. Beim Zirkus Renz Marsch legte er immer schneller werdend ein atemberaubendes Tempo vor, als wolle er sich selbst überholen. Und in den Czárdás von Monti legte er so viel Gefühl, dass mancher im Zuschauerraum Sehnsucht nach der ungarischen Puszta bekam, auch wenn er noch nie dagewesen war.

Der Zuschaerraum im Pädagogischen Zentrum des Heinrich-Heine-Gymnasiums war gut gefüllt.

Bei der Glanzleistung hielt es die Zuhörer nicht mehr auf den Sitzen und es gab stehenden Applaus. Den gab es vom begeisterten Publikum nochmals, als nach einem Ausflug in die Musical- und Filmwelt der weltbekannte „Blue Tango“ als Zugabe und Rausschmeißer erklang.