Zum Ende des Jahres 2015 – Lampedusa

Den Stuttgarter Friedenspreis 2015 erhältth
Guisi Nicolini  – Bürgermeisterin der Mittelmeerinsel Lampedusa

Die AnStifter – Stuttgarter Bürgerprojekt – haben am 6.12. 2015 in einer Festveranstaltung den Stuttgarter Friedenspreis 2015 verliehen. Er ging in diesem Jahr an die Bürgermeisterin der Mittelmeerinsel Lampedusa, Giusi Nicolini. Die Preisträgerin konnte aus terminlichen Gründen den Preis nicht entgegennehmen.

An ihrer Stelle hat Constantino Baratta eine Botschaft von Giusi Nicolini verlesen. Constantino Baratta arbeitet als Maurer, und in seiner Freizeit fährt er mit einem Fischerboot aufs Meer. Er selbst hat schon viele Flüchtlinge aus dem Meer gerettet. Seine Frau – Rosa Maria Maggiore – hat auf einer Pressekonferenz vor der Festveranstaltung über ihr Leben und Ihre täglichen Erfahrungen auf der Insel Lampedusa berichtet.Mit Zustimmung der Veranstalter druckt MENGEDE:InTakt! nachfolgend das Grußwort von Giusi Nicolini ab – der Preisträgerin und Bürgermeisterin von Lampedusa. Ebenso drucken wir den Bericht von Rosa Maria Maggiore und das Schlusswort von Peter Grohmann – Vorstandsmitglied der AnStifter e.V. Stuttgart.
 (Weitere Einzelheiten, z. B. die Laudatio auf die Preisträgerin, von Dr. Heidrun Friese – Professorin für Interkulturelle Kommunikation der TU Chemnitz – und Fotos der Veranstaltung  unter www.stuttgarter-friedenspreis.de)

Stuttgarter Friedenspreis: Brief von Giusi NicoliniFP-Banner-Grusswort-300x225
Liebe Freunde in Stuttgart
Ich wäre gerne bei euch gewesen, um euch kennenzulernen und euch persönlich zu danken.
Dies war leider nicht möglich, wegen der vielen Aufgaben, mit denen ich als Bürgermeisterin jeden Tag auf der Verwaltungsebene konfrontiert bin auf diesem armen Stück Land, das Lampedusa heißt.
Ein Grenzposten, so weit entfernt von Europa wie von Italien. Ein Stück Land, auf dem die einheimische Bevölkerung die ihr zustehenden bürgerlichen Rechte einfordert, die ihr zu lange verweigert wurden. Und auf dem Tausende von Migranten anlanden, die ebenfalls ihr Recht zu leben einfordern.

In den letzten 3 Tagen sind weitere eintausend Flüchtlinge und Migranten zu uns gebracht worden, die aus der Meerenge von Sizilien gerettet wurden.
Jeder Einzelne von ihnen hat eine Geschichte zu erzählen und jeder hat einen Grund, der ihn zur Flucht zwingt. Jeder Einzelne von ihnen, wie die Hunderttausende, die in den letzten Jahren auf Lampedusa angekommen sind, hat das Recht, gehört und nicht zurückgewiesen zu werden, wie ein Problem, das uns nichts angeht. Weil so ist es nicht.

Heute diskutieren die Vereinten Nationen weitere Maßnahmen zur Kontrolle der Waffen, die in die Hände des Islamischen Staates gelangen könnten. Aber weiterhin versteifen sie sich darauf, einige Migranten als wirtschaftliche “Abstauber” zu betrachten und an den Absender zurückzuschicken, nur weil es in ihrem Herkunftsland keinen anerkannten Krieg gibt, der aus ihnen “Flüchtlinge” machen würde.
Es spielt keine Rolle, dass sie in die Hände von Menschenschindern und Folterknechten zurückgeschickt werden oder dort zum Verhungern verdammt sind.
Noch spielt es eine Rolle, dass an den Orten, von denen sie herkommen, Waffen weiter verbreitet sind als Brot.

Für Europa haben sie kein Recht, an unsere Tür zu klopfen. Wir erheben den Anspruch, sie zu selektieren, sie auszusondern.
Und festzulegen, wer wohin gehen darf.
Mauern zu errichten, Stacheldraht auszurollen und jegliches Überlebensrecht zu erdrosseln.
All dies passiert auch wegen des Durcheinanders, das von der Propaganda und den Medien produziert wird, oder aufgrund eines eingängigen Populismus, bei dem viel zu oft mit der Angst spekuliert wird, um Zustimmung einzuheimsen.
Ich bin froh darüber, dass ich Costantino Baratta damit betrauen konnte, meine Botschaft vorzutragen. Denn sein Zeugnis kann all jene wachrütteln, die noch nie einem der Migranten, die jeden Tag auf Lampedusa ankommen, in die Augen schauen konnten. Um dort die Hoffnung zu sehen, dass er an dem Ort angekommen ist, an dem er sein zweites Leben beginnen kann.

Ich hoffe daher, nun zwei Gründe zu haben, euch zu danken:
einer ist die tolle Anerkennung, die ihr mir zukommen lasst. Darauf bin ich stolz und es ist eine Ehre, für mich und für meine Insel.
Der andere Grund, euch zu danken ist die Arbeit, die jeder von euch macht und in Zukunft machen wird, um diejenigen zu sensibilisieren, die immer noch glauben, dass es eine gerechte Sache sei, diejenigen zurückzuweisen und zum Tod zu verurteilen, die uns um Hilfe bitten.

Schlimmstenfalls ist es unsere Politik des Raubes und der Ausbeutung, die die Armut und die Not verschlimmert hat und damit die Menschen aus Afrika zur Flucht treibt.
Und vor allem müssen wir heute die Kraft und den Mut haben, Zeugnis darüber abzulegen, dass der Kampf gegen den Terrorismus islamistischer Prägung nicht dazu führen darf, dass wir denjenigen die Aufnahme verweigern, die genau den grausamen Terroristen entfliehen, die Paris getroffen haben.
Heute mehr denn je ist das Willkommenheißen ein Instrument des Friedens. Für Lampedusa wird es schwierig sein, mehr zu tun als es bisher getan hat und immer noch tut: das Leben der Schiffbrüchigen zu retten und sie in die Lage zu versetzen, ihre Reise fortzusetzen.

Viel mehr könnte und müsste ein gerechteres und solidarischeres Europa tun, zu dessen Konstruktion wir alle beitragen müssen.
Danke an das Bürgerprojekt AnStifter und an euch alle.
Lampedusa, 5. Dezember 2015 Giusi Nicolini

Rede von Rosa Maria Maggiore, genannt „Mamma FP-Banner-Rede-Rosa-300x225Rosa“ auf der Pressekonferenz vor der FriedensGala der AnStifter
Die Insel, auf der ich lebe, hat mich einige Dinge gelehrt, die ich mit euch teilen möchte.
1. Seit nunmehr 20 Jahren ist die Insel ein sicherer Landeplatz für diejenigen, die Europa erreichen wollen. Hunderttausende sind auf dieser Insel angekommen. Und das Zusammenleben mit den Einheimischen hat nie Probleme bereitet, solange den Migranten Rechte und Würde garantiert wurden. Erst als entschieden wurde, sie einzuschließen, sie als Verbrecher zu behandeln, gab es gewalttätige Ereignisse. Aber ausschließlich gegen Sachen, nie gegen Personen. So wurde in den Jahren 2009 und 2011 das Willkommenszentrum angezündet, das aufgrund absurder politischer Entscheidungen in einen Knast verwandelt worden war. Lampedusa hat mich also gelehrt, dass die Pforten der Gewalt sich öffnen, wenn den Menschen Rechte und Würde verweigert wird.

2. Die zweite Sache, die ich gelernt habe ist, dass die Schiffe, mit denen die Migranten in See stechen, letzten Endes alle dazu bestimmt sind, unterzugehen. Kein Wasserfahrzeug, das zu diesem Zweck konstruiert wurde, dann aber mit so vielen Menschen beladen ist, in Anbetracht dieses gefährlichen und langen Meeresabschnittes, war je dazu gedacht, am Bestimmungsort anzukommen. Alle Personen, die sich einschiffen, sind „natürlicherweise“ dazu verdammt unterzugehen. Es sind die Männer der Finanzpolizei, der Küstenwache, der Marine, die Besatzungen der Schiffe, die seit Jahren auf dem Meer sind, um die Migranten zu retten, die Matrosen auf den Handelsschiffen und den Fischerbooten, die Fischer von Lampedusa und Mazara und so weiter, die jedesmal ein „Wunder“ vollbringen, wenn sie Menschen retten. Das ist eine Wahrheit, die jeder kennt, der auf Lampedusa lebt, aber die niemand – weder Politiker noch Journalisten – der Öffentlichkeit mitteilt.

3. Eine andere Sache, die Lampedusa allen lehrt, die es begreifen wollen: Es sind unsere Gesetze, die diese Menschen ins Meer werfen. Es ist nicht das Meer, es sind nicht die Stürme, es ist nicht das Pech. Noch sind es die Schleuser, die diese Menschen umbringen. Es sind wir, mit unseren Gesetzen, die wir die Menschenhändler „bewaffnen“. (Jene, die an Land bleiben, um ihr Geld zu zählen und das Geschäft zu organisieren). Mit diesen Gesetzen blockieren wir jeden legalen, sicheren und gerechten Zugangsweg.
Seit Jahren verlangen deshalb alle, die auf Lampedusa leben, die sofortige Öffnung von humanitären Zugangswegen, die denjenigen Personen, die Europa erreichen wollen, dies ermöglichen, ohne dass sie ihr Leben riskieren müssen.

4. Eine letzte Sache, die ich gelernt habe, möchte ich mit euch teilen: die Menschen, die auf Lampedusa anlanden, haben uns gewählt, haben den Westen gewählt. Und nicht allein und nie ausschließlich wegen unseres Wirtschaftsmodells oder wegen den Möglichkeiten eines besseren Lebens, die unser Kontinent ihnen eröffnet (zumindest theoretisch). Sie wählen uns, weil sie auf der Suche nach ihren Rechten sind. Das Recht, frei zu leben, der Zugang zu Bildung, seine Ideen äußern zu können, in Frieden zu leben. Der Frieden. In Wirklichkeit kommen sie, um Frieden zu suchen. Diese Personen abzuweisen, sie in ihre Länder zurückzuschicken, ist ein Sieg für die Feinde des Westens. Lampedusa hat mich gelehrt, dass es der Frieden ist, die Liebe und der Respekt, mit denen die Schlacht gegen das Böse gewonnen werden kann. Es ist, wie Erasmus von Rotterdam sagt: Alles, was wir mit Gewalt erreichen, werden wir auf dieselbe Weise wieder verlieren.

Der geräuschlose Krieg: BlitzschnellFP-Banner-Rede-Grohmann-300x225
Rede von Peter Grohmann bei der FriedensGala der AnStifter am 6.12.2015 im Theaterhaus Stuttgart
Dieser Abend ist eine Demonstration für das Menschenrecht auf Leben, auf Frieden! So geräuschlos ist Deutschland noch nie in einen Krieg geglitten. Und dennoch dürfen wir uns nicht daran gewöhnen! Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Deutschland Teil einer Kriegsmaschinerie ist. Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass der mühsame Frieden zerstört und zerfressen wird.
Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass das alles normal ist,
– dass es normal ist, in den Krieg zu ziehen,
– dass es normal ist, mit Waffen zu handeln,
– dass es normal ist, ohne langes Gerede JA zum Krieg zu sagen, frohgemut in die Katastrophe: Denn sie wissen nicht, was sie tun!

Ich kann es nicht glauben, dass dieses Schweigen ist im Land, dieses Zuschauen und diese Verharmlosung des Krieges!
Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht des Stärkeren gilt – wo auch immer! Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass das Recht auf Asyl noch weiter ausgehöhlt wird, dass die Charta der Menschenrechte nichts ist als das Versprechen für übermorgen.

Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass täglich 30 000 Kinder verhungern, 30 000 und mehr, dass Ernten im Meer versenkt werden, um den Getreidepreis stabil zu halten. Ich will mich nicht daran gewöhnen, dass Hunderttausende im eigenen Land nicht satt werden, dass Hunderttausenden im eignen Land der Zugang zu Gesundheit, Bildung und einem würdevollen Leben verwehrt wird.
Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, dass der Satz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ zu einer leeren Floskel verkommt.

Ja: Wir sind gegen Gewalt und Vergessen, gegen Terror und Krieg, wo auch immer. Oft haben wir keine schnellen Antworten auf hundert Zweifel, auf tausend Fragen.
Aber Krieg ist immer die falsche Antwort.
Wir dürfen uns nicht an die Barbarei einer globalisierten Welt gewöhnen:
An die Ausplünderung armer Länder, die Waffenlieferungen, an die Unterstützung von Despoten und Diktatoren, Tyrannen und Sklavenhaltern.
Wir dürfen uns nicht an das Aushebeln elementarer Grundrechte gewöhnen, nicht in Ungarn, nicht in der Türkei, nicht in Polen. Wir dürfen uns nie an den Triumph des Front National gewöhnen. In Solidarität und Geschwisterlichkeit sagen wir:
Non! Nein! Njet! No! Nie! Hayır! Neniu! nincs! Babu! Sin! Óchi! Nein zu Populismus, nationaler Engstirnigkeit, Rassismus und Gewalt.

Ich möchte nicht, dass die Deutungshoheit über die Moral die bekommen, die keine haben. Es gibt die Unschuld des Nicht-Wissens nicht mehr. Wir wissen, dass der Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist. Wir wissen, dass wir die Erde zerstören.
Und wir können auch längst nicht mehr ignorieren, dass andere arm sind, weil wir reich sind. Wir werden uns nicht herausreden können mit dem immer gleichen Worten: „Davon haben wir nichts gewusst“.
Nein, wir werden es gewusst haben.

Aber ich will mich daran gewöhnen, mit Menschen gelebt und gekämpft zu haben, die aufstehen, wenn es notwendig ist! Heute, jetzt!
Mit Menschen, die Nein sagen!
Ich will mich daran gewöhnen, an Eurer Seite zu sein:
Mit Menschen, die Herz und Verstand besitzen, die mit Fantasie und Solidarität für Gerechtigkeit und Frieden eintreten:
Mit Menschen wie Euch.

Hinweis: Zur Vergrößerung der Fotos diese bitte anklicken!

 

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