Aschenputtel – von Peter Grohmann

AschenputtelOhne Titel 6

Ein Kolumne von Peter Grohmann
KONTEXT:Wochenzeitung vom 4.5.2016

Liebe Bürgerinnen und Bürger,
“noch fünf Minuten, dann kommen die Täubchen zum Aschenputtel”. Im Ludwigsburger Märchengarten sind selbst die Tauben pünktlich und flattern von überall her zu Aschenputtels Futterteller, wenn sie diese Aufforderung über die versteckten Lautsprecher hören.

Dressiert, gedopt, gut gezogen wie Pawlow’sche Hunde. Zielsicher picken die Täubchen dann die Guten raus, fürs Kröpfchen – und lassen die Schlechten liegen – fürs Töpfchen der Habenichtse. Was dachten Sie denn?

Noch fünf Minuten, dann steht die Regierung wie eine grün-schwarze Eins – und fast alle Posten von Frauen besetzt, bis auf wenige Ministerämter. Mit Wehmut erinnern wir uns noch an die fetten grün-roten Jahre im Lande – an unbequeme Entscheidungen, an neue Wege, an mutige Innen- und Justizminister, an Reinhold Gall, Rainer Stickelberger und. Eben. Sozialdemokraten haben es oft genauso schwer wie Frauen bei der AfD.

Ja, wir alternden Sozialisten haben es uns mit der SPD nie leicht gemacht. Und die alte, traditionsreiche Partei der klein geratenen Leute im reichsten Land Europas hat es unsereins deshalb besonders schwer gemacht: Kritik war Majestätsbeleidigung. Jetzt, wo die Täubchen im deutschen Märchengarten rechts ihr Futter suchen, wo stimmberechtigte Deutsche ihr Petri Heil suchen, wo Genossen schlafen, die zu Zeiten meiner Omi Glimbzsch nicht nur in Zittau rot wählten und Stalin verachteten, fehlt dieser Partei fast alles: die kommunalen Wohnungen verschachert, die Gemeinwirtschaft privatisiert, die Programme glatt gebügelt und allenthalben Nerds in Wartestellung auf Staatssekretärsposten.

Noch weiter rechts ist nur der Abgrund – eine nach Polizeistaat duftende Ordnungsmacht, Ratlosigkeit und das blaue Heilsversprechen der AfD, die die Wähler direkt an der Haustür abholen kann, weil links von der Mitte nicht erst seit gestern eine riesige Glaubwürdigkeitspanne entstanden ist. Randale hilft rechts außen. Die Kacke ist am Dampfen – nicht nur auf den deutschen Äckern und Wiesen und in den Atomkraftwerken. Wer soll das denn auslöffeln? Aschenputtel.

Anmerkung: Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Stuttgarter Bürgerprojekts “Die AnStifter”.
Die KONTEXT:Wochenzeitung ist eine Internet-Zeitung aus Stuttgart, die seit 5 Jahren wöchentlich mittwochs ins Netz gestellt wird. Zusätzlich liegt sie als Printausgabe der Wochenendausgabe der taz bei. Wir danken der Redaktion für die Zustimmung zum Abdruck der Kolumne.
Näheres unter: http://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/266/aschenputtel-3619.html

 

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