Pfingstochsen
Von Peter Grohmann
Zu Zeiten unserer Altvorderen wurden in den Dörfern die größten und schönsten Ochsen am Pfingstsonntag mit Kränzen, Blumen und Musik zum ersten Weidegang von den Fleischfressern durch den Ort getrieben: Raus aus der Massentierhaltung. Egal – auch ihr Ende war vorhersehbar, wie das der Treiber, weiß meine Omi Glimbzsch aus Zittau. „Weßte nich mehr, Peter, damals?“ Die rechten Populisten im stärker werdenden strukturschwachen ländlichen Raum reiben sich die Hände: Sie nutzen meisterlich dieses Abgehängtsein von Trecker, Ochs und Knecht, den Verlust von Infrastruktur, die Sehnsucht nach Heimat, nach Identität, nach Stall – der kann Deutschland, Polen oder Frankreich heißen, Hauptsache Erde. Auf ihr keimen die rechten Saaten der Kümmerer:
Die nationalgesinnten Akteure besetzen mehr und mehr und längst die Reste des Dorflebens. Viel ist es nicht. Sie fordern Wärmestuben und Erinnerungstafeln, sitzen im Schützenverein, lieben Ampeln gegen keinen Verkehr, Busanbindung und Lätzchen für den Kindergarten – Kinder sind das knappste Gut – bieten praktische Nachbarschaftshilfe, organisieren Feiern und Kinderfeste, bauen Sandburgen und pflegen Gemeinschaftsgärten und Wanderwege.
Möglich, dass es der letzte Aufstand ist gegen kapitalistisches Gesundschrumpfen. In Sachsen-Anhalt wird sich das deutsche Landvolk so oder so um 20 – 25 Prozent reduzieren, in Baden-Württemberg können es 8 – 12 Prozent werden. Dagegen ist kein Filderkraut gewachsen. Zukunft hat absehbar nur der Erlebnispark bei Trippsdrill.
Am 25. Main 1961 warb John F. Kennedy für einen bemannten Mondflug –
65 Jahre später ist ein Leben hinter dem Mond eher der Normalfall.
Für die Provinzen unserer Welt gilt: Je dünner die demokratische Presse wird, desto dicker werden die Populisten.
PS – Erinnerung an ’s Staatsversagen:
CumEx ist der größte deutsche Steuerskandal. Na und?
Peter Grohmann * ist Kabarettist und Koordinator der AnStifter. Wir danken ihm für die Zustimmung zum Abdruck dieser Kolumne.
* peter-grohmann@die-anstifter.de