Baustopp und Erhalt der Bodendenkmäler des Stalag VI D an den Westfalenhallen gefordert.
Die Ratsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN & Volt fordert angesichts der aktuellen archäologischen Funde auf dem Gelände der Westfalenhallen einen sofortigen Baustopp für die betroffenen Bereiche der Westfalenhallen. Ziel muss es sein, die freigelegten Überreste des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag VI D dauerhaft zu erhalten und eine würdevolle Form des Erinnerns und Gedenkens zu ermöglichen. „Die jetzt freigelegten Bodendenkmäler sind keine gewöhnlichen archäologischen Funde. Sie sind materielle Zeugnisse eines Ortes von Leid, Entwürdigung und Zwangsarbeit mitten in Dortmund. Wer hier baut, übernimmt auch Verantwortung für die Geschichte dieses Ortes“, erklärt Katrin Lögering, Fraktionssprecherin.
GRÜNE & Volt erwarten von den Westfalenhallen und der Stadt Dortmund, dass die Bauplanung so angepasst wird, dass die erhaltenen Strukturen und Bodendenkmäler bis auf weiteres nicht durch den Weiterbau zerstört werden. Die bisherigen Funde zeigen, dass sich auf dem Gelände deutlich umfangreichere Überreste des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers befinden als bislang bekannt war.
Bauvorhaben und Erinnern in Einklang bringen
Das Stalag VI D gehörte zu den größten Kriegsgefangenenlagern im westlichen Deutschland. Von 1939 bis 1945 befand sich das Lager auf dem Gelände der Westfalenhallen und des damaligen Volksparks. Mehr als 300.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationen durchliefen das Lager, zeitweise waren bis zu 10.000 Menschen gleichzeitig dort inhaftiert. Viele wurden zur Zwangsarbeit in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets eingesetzt. Mit den zunehmenden Bombenangriffen auf Dortmund ab 1943 wurden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene jedoch auch für sogenannte Aufräumungs- und Bergungsarbeiten durch die Stadt Dortmund selbst eingesetzt. Tausende überlebten die unmenschlichen Bedingungen des Lagers nicht.
Der Fraktion GRÜNE & Volt geht es ausdrücklich nicht darum, notwendige Entwicklungen der Westfalenhallen zu verhindern. Vielmehr muss geprüft werden, wie moderne Nutzung und historische Verantwortung miteinander verbunden werden können. Vorbilder gibt es bereits an anderen Orten. So wurden beispielsweise bei der Neugestaltung der Judengasse in Frankfurt am Main historische Überreste dauerhaft gesichert und sichtbar gemacht. Auch an zahlreichen Gedenkorten ehemaliger Lagerstandorte in Deutschland wurden archäologische Relikte in Neubauten oder Freiraumgestaltungen integriert.
„Die jetzt freigelegten Überreste bieten die seltene Chance, ein lange verdrängtes Kapitel Dortmunder Geschichte sichtbar zu machen – und neue Erkenntnisse über den Umgang der deutschen Gesellschaft mit Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus zu gewinnen. Die Funde sind nicht nur für Dortmund von Bedeutung. Sie können dazu beitragen, verbreitete Nachkriegsnarrative vom angeblichen Nichtwissen über das Schicksal hunderttausender Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter kritisch zu hinterfragen. Diese Chance dürfen wir nicht voreilig zubauen. Bevor unumkehrbare Entscheidungen getroffen werden, brauchen wir Zeit für eine sorgfältige wissenschaftliche Prüfung und eine breite öffentliche Debatte darüber, wie an diesem historisch bedeutsamen Ort angemessen erinnert werden kann“, so Lögering abschließend.