Humorvoller Grenzstreit: Wem gehört Ickern?
Von Diethelm Textroris
In früheren Zeiten wurden die Gemarkungsgrenzen bei regelmäßig stattfindenden Schnadegängen kontrolliert. Der Grenzverlauf wurde durch Beschneiden von Hecken und Sträuchern begehbar und sichtbar gemacht. Die Grenzsteine wurden untersucht, ob sie noch an ihrem richtigen Platz waren oder ob ein Nachbar sie zu seinen Gunsten versetzt hatte. Obwohl seit dem Beginn der exakten Landvermessungen diese Grenzkontrollen überflüssig geworden sind, wird die alte Tradition gerade in Westfalen immer noch gepflegt.
Für Mengede hat der damalige Vorsitzende des Heimatvereins, Paul Gausepohl, den Brauch der jährlichen Schnadegänge wieder aufleben lassen. Auch wenn diese keine reinen Grenzbegehungen mehr sind, so bieten sie jedes Jahr einen Anlass für eine Wanderung zur Erkundung der heimischen Umgebung, Möglichkeiten zu Kommunikation und Gedankenaustausch mit Bekannten, Nachbarn, Freunden oder auch fremden Menschen. So auch in diesem Jahr.

Start und Ziel waren das Heimathaus am Widum
So hatten sich auch in diesem Jahr am 3. Oktober wieder etwa 50 Teilnehmende am Heimathaus am Widum versammelt. Unter ihnen der 88-jährige Günter Heymer aus Bodelschwingh als ältester in der Runde. Auf dem Programm stand ein 9 Kilometer langer Rundweg über die Mengeder Heide nach Ickern und zurück zum Ausgangspunkt über die Emscherauen und den Birkenweg am Kommunalfriedhof. Der erste Info-Stop erfolgte bereits nach wenigen Metern am Bodendenkmal Haus Mengede. Hier informierte der Heimatvereinsvorsitzende Hans-Ulrich Peuser über die Umgestaltung und Aufwertung dieses Bereiches durch die Stadt Dortmund zu einem attraktiven Anziehungspunkt am beliebten Emscher-Radweg. Über die Siegenstraße und den Fußweg zur Rittershofer Straße erreichte die Gruppe die ehemalige Gaststätte Heideröschen.

Rast im Amphitheater.
Nachdem Diethelm Textoris über längst vergangene Zeiten dieser Traditionsgaststätte berichtete, Geschichten um das langjährige Wirte-Ehepaar Konrad und Agnes Jörissen erzählte und auch den letzten Inhaber Siggi Buschmann nicht unerwähnt ließ, wussten auch andere Teilnehmer von ihren Erlebnissen und Erfahrungen zu berichten. Über die Geschichte des jüdischen Friedhof an der Ecke Siegenstraße/Groppenbrucher informierte Franz-Heinrich Veuhoff: Nutzung des Geländes als Friedhof ab 1886, 1952 offiziell geschlossen. Eine Besonderheit ist auch, dass sieben der Grabstätten vom ehemaligen Friedhof Nette stammen, der 1959 im Zuge von Straßenbauarbeiten eingeebnet wurde.
Am Ende der Seitenstraße ging es über die Grenze nach Castrop in den Wald in das dortige Naturschutzgebiet, kurz darauf nach rechts in Richtung Gröpper- oder Groppenbrucher Bach, der im Volksmund immer noch „Birk“ heißt. Hinter dem nächsten Abzweig war das Naturdenkmal „Alte Buche“ zu bestaunen, eine 100 bis 150 Jahre alte Rotbuche mit einem beträchtlichen Stammumfang. Vier Personen mit ausgestreckten Armen waren nötig, um sie einmal zu umfassen.
Am Agora Kulturzentrum in Ickern war Halbzeit und damit auch Zeit für eine wohlverdiente Pause. Zeit auch für das traditionelle Streitgespräch. Humorvoll stritt der Heimatvereinsvorsitzender Peuser mit Castrops Bürgermeister Rajko Kravanja über die Frage, ob der Ortsteil Ickern nach Mengede gehört, wozu er bis 1928 angegliedert war. Argumentativ schenkten sich die beiden Kontrahenten nichts, bis schließlich alles in Richtung Harmonie verlief, friedliche Koexistenz gepaart mit freundschaftlicher Verbundenheit. Inzwischen hatten die fleißigen Hände des Agora Zentrums den Grill angeworfen und versorgten die hungrigen Wanderer mit leckeren Bratwürsten, die bei reichhaltigem Getränkeangebot selbstverständlich nicht trocken heruntergewürgt werden mussten.
Der Rückweg führte vorbei an den Emscherauen, dem beeindruckenden Zeichen des ökologischen Wandels im Ruhrgebiet. Auf einen Fläche, die mit 33 Hektar größer als der Phönixsee ist, ist es hier gelungen, modernen Hochwasserschutz mit artenreichem Naturschutz und Naherholungsangeboten für die Bevölkerung zu verbinden. Letzter Haltepunkt war das Stationskreuz an der Rittershofer Straße. Bei den früher üblichen großen Fronleichnamsprozessionen war hier ein Altar für Andacht und Beten aufgebaut. Franz-Heinrich Veuhoff erinnerte die Schnadegänger an dieses Brauchtum, bevor diese entweder den Weg nach Hause oder den in Richtung Heimathaus am Widum zum gemütlichen Ausklang ansteuerten. Viel Lob gab es für die Organisatoren des Heimatverein für diese gelungene Veranstaltung.