Perfektes Abschiedsfest für “Gustav Knepper”

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Tausende sahen Sprengung der Kraftwerks-Überbleibsel

Warten auf den großen Knall: Noch ist die Kulisse des ehemaligen Knepper-Kraftwerkes komplett.

„Gustav Knepper“ bekam ein perfektes Abschiedsfest. Da stimmte alles: das Wetter, die Stimmung bei Tausenden von Zuschauern und die Planung des großen Knalls. Kurz nach 11 Uhr verschwand als erstes das 70 Meter hohe Kesselhaus, eine Stunde später krachten der 128 Meter-Kühlturm und der 210 Meter aufragende Schornstein zusammen. „Da bin ich froh – unser Haus steht noch,“ freute sich eine Anwohnerin. Dass die Sprengung der Kraftwerks-Überbleibsel auf der Grenze zwischen Castrop Rauxel und Dortmund Mengede erfolgreich abgelaufen ist, ist auch von den Abrissspezialisten der Firma Hagedorn, Sprengmeister André Schewkow und seinem Team, erleichtert aufgenommen worden.

Das Kesselhaus fällt als erstes.

Die Anwohner im Umfeld des Kraftwerks waren evakuiert worden und durften zusammen mit den Journalisten von einer Tribüne dem Spektakel zusehen. Das Vorhaben war schließlich keine Kleinigkeit – mit Kühlturm und Schornstein wurden zwei kilometerweit sichtbare Landmarken ausradiert. Wie fühlen sich die Betroffenen? „Jahrelang haben wir nahe am Kraftwerk gewohnt, und wenn uns Leute erstmals besuchen wollten, sagten wir nur, ihr findet uns direkt gegenüber dem großen Turm. Das geht nun nicht mehr.“

 

Ungewisse Zukunft verunsichert Anwohner

Der Kühlturm faltet sich an Ort und Stelle zusammen.

Die meisten Befragten äußern zwiespältige Gefühle. Dass sie die gewaltige Industriekulisse vor ihrer Haustür besonders schön fanden, behaupten sie nicht. Aber man war daran gewöhnt. Was sie jetzt verunsichert, ist die Ungewissheit. Was wird folgen? Peter und Sabine Fischer von der Oestricher Straße sind jedenfalls zuversichtlich. Der zunächst mit Sorge betrachtete bisherige Abbau des Kraftwerks sei viel besser als erwartet gelaufen.

„Da können wir uns wirklich nicht beschweren – und der Firma Hagedorn kann man nur das Kompliment machen, dass sie sehr sorgfältig vorgeht. Wir haben von den Arbeiten kaum etwas bemerkt.“ Wenn die beiden zurückdenken an die Zeit, als das Kraftwerk noch in Betrieb war, erinnern sie sich auch am liebsten an die erfreulichen Seiten des Zusammenlebens: „Die Kraftwerks-Mitarbeiter waren alle ganz nette Leute.“

Rückblick auf eine wechselvolle Geschichte

Nun steht nur noch der Schornstein, doch…

Mit dem Verschwinden von Kesselhaus, Kühlturm und Schornstein des Steinkohlekraftwerks Gustav Knepper ändert sich nicht nur der Horizont im Dortmunder Nordwesten. Auch die Lebensumstände der Bürgerinnen und Bürger im Stadtbezirk stehen vor einem Wandel. Noch liegt die Zukunft im Nebel – es gibt nicht wenige, die sich deswegen Sorgen machen. Mengede InTakt nimmt das zum Anlass für einen Rückblick auf über 60 Jahre wechselvoller Industriegeschichte auf der Grenze zwischen Dortmund und Castrop-Rauxel.

1942 ist Baubeginn, der wegen des Krieges nicht vollendet wird.

1951 Betriebsbeginn, bis 1971 entstehen in fünf Ausbaustufen die Blöcke A und B, dann Block C.

1986 wird eine Rauchgasentstickungs-Anlage,

1987 eine Rauchgasentschwefelung in Betrieb genommen.

1990 werden die Altblöcke A und B stillgelegt.

Die Ende 2013 beantragte Stillegung erfolgt im Dezember 2014.

..auch er beginnt zu kippen.

Auch die Kraftwerksbetreiber wechselten: der Gelsenkirchener Bergwerks-AG folgte die Bochumer Bergwerks AG; ab 1975/76 leitete die Veba Kraftwerke Ruhr die Geschicke des Unternehmens, das später von Eon und zuletzt Eon-Tochter Uniper übernommen wurde.

2017 verkaufte Uniper die 59 Hektar an die Gütersloher Abbruch- und Aufbereitungsspezialisten der Hagedorn-Unternehmensgruppe bzw. deren Tochtergesellschaft Log Point Ruhr GmbH. Nach der „Revitalisierung“ des Geländes wird voraussichtlich 2020 der britische Industrie-Immobilienkonzern Segro das Ganze erwerben und an die künftigen Nutzer weiter veräußern. Hagedorn hat die Briten bereits jetzt ins Boot geholt, damit diese ein Konzept entwickeln, für welche Sparten die neue Industrie- und Gewerbefläche besonders geeignet ist .

Früher war nicht alles besser

Zunächst scheint er in einem Stück herunter zu kommen,…

Das Kraftwerk Gustav Knepper bot Arbeitsplätze, lieferte Strom und Fernwärme, produzierte (als Nebenprodukt der Rauchgasentschwefelung) Gips für die Bauindustrie. Doch nimmt man die Unternehmensgeschichte genauer unter der Lupe, wird klar, dass kein Anlass für „Rosige-Vergangenheits-Verzerrung“ besteht. So nennen Wissenschaftler die Neigung, die Vergangenheit zu verklären. In Wirklichkeit gab es öfter Kritik, so z. B. 2007 vom BUND wegen des hohen Ausstoßes von Feinstaub, und 1989/90 sogar eine echte Krise.

 

…aber dann zerbricht er doch in zwei Teile.

Anlass waren Pläne zur Errichtung einer Müllverbrennungsanlage auf dem Kraftwerksgelände, die von vielen in den Nähe wohnenden Bürgern aus Sorge um mögliche giftige Emissionen und den zusätzlichen LKW-Verkehr abgelehnt wurde. Der Streit um das Projekt spaltete Bevölkerung und Politik. Die Auseinandersetzung gipfelte vor der Kommunalwahl 1989 in einem Aufruf von Bürgern des

Bye Bye Gustav Knepper. Die Endrunde des Abbaus hat begonnen.

Stadtbezirks Mengede unter der Überschrift: „Das kleine Kreuz hat große Wirkung“. Darin wurde aufgefordert, keine Parteien zu wählen, die gegen die Interessen der Anwohner handelten.

Es gab eine Unterschriftensammlung und andere öffentliche Aktionen, bei denen deutlich wurde, dass der Dortmunder Nordwesten keinerlei Begeisterung für das Vorhaben Müllverbrennung aufbrachte. Die ungeliebte Idee verschwand daraufhin in einer Schublade. Da sich später zeigte, dass bereits ausreichend Kapazitäten für Müllverbrennung vorhanden waren, holte sie auch niemand mehr hervor.

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